Chronische Erkrankung. Wessen Aufgabe ist die Behandlung?
Wie die meisten unserer Mitbürger glaubst wahrscheinlich auch Du, dass – weil Du Krankenversicherungsbeiträge gezahlt hast – es ausschließlich die Aufgabe (Pflicht) der Ärztinnen und Ärzte sei, Dich zu heilen. Du denkst, es reiche, ein oder zwei Tabletten einzunehmen und sonst hättest Du nichts weiter zu tun, als im Sessel zu sitzen und auf Deine Genesung zu warten. Auf eine ungesunde Ernährung und einen bewegungsarmen Lebensstil willst Du nicht verzichten, ebenso wenig auf Deine schädlichen Gewohnheiten. Und trotzdem wunderst Du Dich, dass die Tabletten keine Besserung bringen!?
Es ist an der Zeit zu erfahren, dass das Auftreten der meisten chronischen Erkrankungen von Deinem Lebensstil verursacht wird! Du kannst nicht andere für ihr Entstehen verantwortlich machen, und Du musst auch bei der Heilung mitwirken. Bei der Behandlung chronischer Erkrankungen ist die Aufgabe des Arztes, einen Behandlungsleitfaden bereitzustellen. Die Durchführung hängt jedoch fast vollständig von Dir ab!
Eine chronische (auch: langwierige oder dauerhafte) Erkrankung bedeutet eine über Jahre, ja Jahrzehnte anhaltende, langwierige Krankheit. Der Krankheitsverlauf ist langsam, die Symptome weniger heftig. Nach oft langen Ruhephasen von Monaten oder sogar Jahren flammen die typischen Beschwerden wieder auf. Der Zustand verändert sich, mal verschlechtert er sich, mal bessert er sich.
In der Regel stellt sie keine unmittelbare Lebensgefahr dar, aber ihre Symptome erschweren Dein Leben und verschlechtern die Lebensqualität.
Warum entsteht eine chronische Erkrankung?
Eine chronische Erkrankung kann die Folge einer akuten Erkrankung sein. Zum Beispiel überlastest Du Deine Hand und es entsteht ein Tennisarm. Wenn Du ihn nicht schonst und nicht behandelst, bleibt die Entzündung dauerhaft bestehen. Bei einer akuten Erkrankung sorgt die möglichst schnelle Beseitigung und Behandlung der auslösenden Ursache dafür, dass sich der Zustand nicht chronifiziert.
Manchmal entwickelt sich die Krankheit langsam über Jahre. Die Folgen regelmäßigen Rauchens treten oft erst Jahrzehnte nach der ersten Zigarette auf. Bis dahin ist in der Lunge so viel zerstört, dass bereits Symptome entstehen. Wenn Du Beschwerden hast, hat Deine Lunge meist bereits irreparable Schäden erlitten.
Übergewicht ist ebenso tückisch. Es belastet langsam die Gelenke, was zu Schmerzen, Entzündungen, Knorpelabrieb und schließlich zu Bewegungseinschränkungen führt.
Auch der Zusammenhang zwischen Erkrankungen und Ernährung ist bekannt. Je mehr Kohlenhydrate Du isst, desto eher musst Du mit Gelenkentzündungen und Tumoren rechnen. Übermäßiger Fleischkonsum (der Durchschnittsungarische Konsum liegt vielfach über dem Normalen) kann zu Tumoren im Darm führen.
Die durch falsche Ernährung verursachte Arteriosklerose entsteht ebenfalls nicht von heute auf morgen. Über viele Jahre hinweg führt sie zu Gefäßverengungen in den Extremitäten, den Nieren, dem Herzen oder dem Gehirn. Das Endergebnis sind Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen oder geistiger Abbau.
Suche die Ursache chronischer Krankheiten in Deinem Lebensstil!
Etwa 80 % des Auftretens chronischer Erkrankungen lassen sich auf den Lebensstil, Bewegungsmangel, falsche Ernährung und schädliche Gewohnheiten zurückführen. Sogar Erkrankungen wie Krebs treten eher bei denen auf, die neben einer genetischen Veranlagung durch ihren Lebensstil das Risiko zusätzlich erhöhen. Ausnahmen gibt es natürlich immer.
Die „Kaskade“ der Folgen
Fehler im Lebensstil führen über Jahre hinweg langsam zu immer schwereren Folgen.
Bewegst Du Dich zum Beispiel wenig, verlieren Deine Muskeln allmählich an Kraft. Ein schwacher Muskel stützt die Wirbelsäule nicht mehr, die Wirbel drücken aufeinander, die Bandscheiben werden eingeengt und drücken auf die austretenden Nerven. Rückenschmerzen hindern Dich noch mehr an Bewegung. Trotz einer Vielzahl von Schmerzmitteln werden Deine Beschwerden nur schlimmer.
Nimmst Du etwas mehr Kalorien zu Dir, als Du verbrauchst, speichert Dein Körper das Überschüssige als Fett. Übergewicht entsteht meist langsam; das Gewicht steigt im Jahr nur um 1–2 kg. Die Belastung der Gelenke wird immer größer, Dein Herz muss ein größeres Organ mit Blut versorgen, die Atmung muss mehr Sauerstoff aufnehmen usw. Wegen der auftretenden Beschwerden bewegst Du Dich noch weniger, sodass die Gewichtszunahme mit der Zeit beschleunigt wird.
Bestimmte im Blut angereicherte Stoffe lagern sich an den Gefäßwänden ab und verengen diese langsam. Später können die Symptome an den Arterien der Gliedmaßen (Gefäßverengung), am Herzen (Infarkt), im Gehirn (Schlaganfall) oder „ganz einfach“ als Abbau und Demenz auftreten.
Der Teufelskreis
Beginnen Deine Gelenke aufgrund des Übergewichts zu schmerzen, wäre die wirksamste Behandlung Bewegung und Gewichtsabnahme. Training mit Übergewicht erhöht jedoch – besonders wenn abrupt begonnen – die Belastung für Gelenke, Kreislauf und Atmung. Zunehmende Gelenkbeschwerden hindern Dich an Bewegung, Dein Gewicht wächst weiter. Du wirst depressiv und versuchst, das mit Essen zu „beruhigen“.
Das ist der Teufelskreis, in dem sich die ungünstigen Effekte gegenseitig verstärken und eine immer schlechtere Situation erzeugen. Aus eigener Kraft aus diesem Kreis auszubrechen ist schwer oder unmöglich.
Die Behandlung chronischer Erkrankungen
Bei den meisten chronischen Erkrankungen zielen die eingesetzten Medikamente nicht darauf ab, die Ursache der Krankheit zu beseitigen, sondern die Symptome „zu verdrängen“.
Für die meisten chronischen Erkrankungen gilt: von einer Veränderung des Lebensstils kannst Du eine größere Verbesserung erwarten als von Medikamenten.
Zum Beispiel führt Gewichtsabnahme zu sinkendem Blutdruck, geringerer Belastung für Herz und Gelenke und zu einer Verbesserung des Diabetes.
Regelmäßige körperliche Aktivität stärkt Deine Muskeln, lindert Nacken-, Rücken- und Wirbelsäulenschmerzen und reduziert Durchblutungsprobleme. Auch hier entsteht ein Kreislauf, in dem sich die günstigen Effekte gegenseitig verstärken.
Die Behandlung eines chronisch Kranken ist nicht die Aufgabe des Arztes!
„Medicus curat – natura sanat“ (Bedeutung: Der Arzt behandelt – die Natur heilt) lautet ein altes Sprichwort, das ich in der Medizin‑Ausbildung als eine der ersten Lehren von meinen Professoren erhielt. Von Hippokrates, dem Vater der Medizin, stammt ein anderer Satz, den ich gelernt habe: „Wenn Du Deinen Lebensstil nicht änderst, kann Dir nicht geholfen werden!“
Bei einer chronischen Erkrankung sind die Ratschläge, Anweisungen und die Anleitung des Arztes wichtig. Du kannst von ihm (symptomatische) Medikamente erhalten. Aber das Halten und vor allem die Verbesserung des Zustands hängen in erster Linie davon ab, ob Du seine Empfehlungen annimmst und umsetzt.
Ich erwähnte bereits, dass die Ursache der meisten chronischen Erkrankungen im Lebensstil zu suchen ist. Die logische Schlussfolgerung lautet, dass der Arzt daran nichts ändern kann – nur DU selbst!
Die meisten Medikamente zielen nicht darauf ab, die Ursache der Krankheit zu beseitigen, sondern versuchen, Deine Symptome zu unterdrücken. Blutdrucksenkende Mittel senken den Druck, Schmerzmittel beseitigen für einige Stunden den Schmerz, Steroide „überdecken“ die Zeichen einer Entzündung.
Nur weil Du mit einem Medikament den Schmerz vorübergehend ausschaltest, hast Du die auslösende Ursache – zum Beispiel Übergewicht oder eine Entzündung – nicht gelöst. Wenn Du die Ursache nicht beseitigst, wird der Schmerz wieder und wieder auftreten.
Du kannst Medikamente nicht unendlich einnehmen; nach einer Weile musst Du bei jedem Präparat mit Nebenwirkungen rechnen. Lies nur die Packungsbeilage. Die Aufzählung möglicher Nebenwirkungen ist fast immer viel länger als die der zu erwartenden positiven Effekte.
Das heißt nicht, dass Du keine Medikamente nehmen sollst! Es bedeutet, dass für die Besserung Deiner chronischen Erkrankung allein von Medikamenten keine wesentliche Verbesserung zu erwarten ist.
Du musst selbst Schritte unternehmen! Du musst die aufgenommene Kalorienmenge reduzieren, die Zusammensetzung Deiner Ernährung verändern, auf schädliche Gewohnheiten verzichten und Bewegung in Deinen Tagesablauf integrieren.
Was in Deinem Fall als optimal zu tun ist, besprich mit Deinem Arzt und Deinem Physiotherapeuten.
Doch weder der Arzt noch der Physiotherapeut – niemand sonst – kann es für Dich tun! Dein Leben und Deine Krankheit liegen in Deinen eigenen Händen!