Kann elektrische Behandlung bei Krebserkrankungen angewendet werden?
In den Beschreibungen der Geräte, die Elektrotherapiebehandlungen anbieten (z. B. TENS, Muskelstimulation (EMS), Mikrostrom (MENS), FES), wird fast immer angegeben, dass Elektrotherapie bei krebskranken Patienten nicht angewendet werden darf. Wie ist das zu verstehen? Darüber habe ich hier geschrieben.
Wichtig vorweg: Wenn Sie keinen aktiven bösartigen Tumor haben, können Sie durch eine Elektrotherapiebehandlung keinen Krebs auslösen oder erzeugen. Es ist sicher: ganz egal, wie viel Elektrotherapie Sie anwenden, dadurch bekommen Sie keinen Krebs!
Ebenso sicher ist, dass wenn Sie mindestens 15–20 cm Abstand zum Tumor halten, die Behandlung keinerlei Wirkung auf den Tumor haben kann.
Ultrakonservative Haltung
Bei Tumorpatienten hat sich unter Ärzten und Physiotherapeuten eine ultrakonservative Haltung durchgesetzt: Man geht davon aus, dass die durch Elektrotherapie (TENS, EMS, Mikrostrom usw.) erzeugten Gewebemikroströme das Wachstum des Tumors beschleunigen oder zur Streuung von Tumorzellen beitragen können. Daher dürften Tumorpatienten nicht damit behandelt werden.
Sehen wir uns an, wie das alles geschehen könnte und worauf diese Annahme basiert.
Die Mikrostrom (MENS)-Behandlung und Tumoren
Beim MENS werden extrem geringe Stromstärken eingesetzt. Die erste und wichtigste Wirkung besteht in der Wiederherstellung des Membranpotentials der kranken, verletzten Zellen. Die betroffene Zelle „wacht auf“, in ihren Mitochondrien steigt die Produktion der Energiequelle (ATP) deutlich an. ATP-Moleküle sind unerlässlich für Zellregeneration, -wachstum und Heilung.
Man vermutet, dass wenn man Tumorzellen mit Mikrostrom behandelt, dabei auch ihre Energieproduktion gesteigert werden könnte, was ihr Wachstum beschleunigen würde!
Die Muskelstimulation (EMS) und Tumoren
Durch die Stimulationsimpulse kontrahiert der behandelte Muskel. Dabei werden die darin verlaufenden Venen und Lymphgefäße zusammengedrückt und der Fluss in den Gefäßen beschleunigt, wodurch Zellen, Nährstoffe usw. mitgerissen werden.
Wenn UNMITTELBAR ÜBER ODER NEBEN DEM TUMOR eine Serie von Muskelkontraktionen erzeugt wird, kann dieser mechanische Druck Tumorzellen vom Tumor abreißen und sie über Gefäße, aber auch im Gewebe verteilt, weit hinaus „pressen“. Dadurch könnte die Ausbreitung des Tumors und die Bildung von Metastasen gefördert werden.
Aber gelangt die Energie der Behandlung wirklich zu den Krebsgeweben oder Metastasen? Und wenn ja, kann sie den Zustand tatsächlich verschlechtern oder schaden?
Da die potenzielle Gefahr besteht, hat bis heute (zu Recht) niemand den Mut gehabt, mit krebskranken Patienten solche Experimente durchzuführen. Es gibt also keine Beweise dafür, dass die obige Argumentation tatsächlich eintritt und Elektrotherapie die Krebserkrankung verschlechtert.
SOLLTE DER TUMOR JEDOCH AN EINER WEIT ENTFERNTEN Körperstelle liegen, ist die Lage eine andere. Haben Sie einen inneren Organ-Tumor (z. B. Lunge, Darm, Niere usw.), so spricht nichts dagegen, Schmerzen in Schulter oder Nacken mit Elektrotherapie zu lindern. Auch zur Wiedererlangung von Kraft in Bein- oder Rückenmuskulatur können Sie das Stimulationsgerät bedenkenlos einsetzen. Dies wird keinen Einfluss auf den Tumor haben (weder ungünstig noch günstig).
Gibt es so etwas wie ein geringes Risiko?
Oben schrieb ich, dass elektrotherapeutische Behandlung das Wachstum oder die Ausbreitung eines bestehenden, aktiven Tumors verursachen könnte. Aber nur, wenn Sie direkt den Tumor und seine Umgebung behandeln.
Wenn jedoch Tumor und zu behandelnder Bereich voneinander abweichen, stellt die elektrische Behandlung ganz sicher kein Risiko dar. Schauen wir uns zwei Beispiele an:
- Bei Lungen- oder Brustkrebs ist die elektrische Behandlung von Knöchel-, Knie- oder Hüftbeschwerden risikofrei.
- Bei Prostatakrebs stellt die Behandlung von Schulter- oder Nackenschmerzen ebenfalls kein Risiko dar.
Wann darf man behandeln?
Wenn Sie vor 5 Jahren einen Tumor hatten, dieser entfernt oder erfolgreich behandelt wurde und Sie jetzt tumorfrei sind, dann ist die ganze Frage hinfällig, denn aktuell haben Sie KEINEN Tumor. Und wenn Sie jetzt keinen aktiven bösartigen Tumor haben, können Sie durch Elektrotherapie keinen Krebs auslösen oder erzeugen. Es ist sicher: ganz egal, wie viel Elektrotherapie Sie anwenden, dadurch bekommen Sie keinen Krebs!
Ähnlich verhält es sich, wenn z. B. bei Lungen- oder Kehlkopfkrebs Schmerzen im Lenden-, Hüft-, Knie- oder Knöchelbereich auftreten. Für deren Behandlung kann man ohne Sorgen Elektrotherapie einsetzen.
Dass bei einem Patienten ein bösartiger Tumor vorliegt, bedeutet also nicht automatisch, dass Elektrotherapie nicht angewendet werden darf.
Entscheidend ist der Abwägungsprozess zwischen möglichen Vorteilen und potenziellen schädlichen Effekten. Behandelt werden sollte, wenn ein größerer Nutzen als Schaden zu erwarten ist. Die Abwägung sollten Sie jedoch einem fachlich versierten, gründlichen Spezialisten überlassen.
Ich empfehle, bei einer bösartigen Tumorerkrankung nicht eigenmächtig mit Elektrotherapie zu beginnen. Tun Sie dies nur, wenn der behandelnde Arzt dies genehmigt bzw. empfiehlt.