Parasympathischer Tonus und chronische Erkrankungen – was sagt die klinische Evidenz heute?
Die Grundlagen des vegetativen Nervensystems behandle ich im Artikel „Vegetatives Nervensystem und Vagus-Stimulation”. Heim‑tVNS‑Geräte vergleiche ich detailliert im tVNS-Produktfokus-Artikel.
In der Videozusammenfassung: wie der parasympathische Tonus mit chronischen Entzündungen verknüpft ist und welche Rolle die Vagusstimulation im Rahmen eines komplexen Behandlungsplans spielen kann.
Kernbotschaft
Die nicht‑invasive Vagusnervstimulation (tVNS) ist eine ergänzende Modalität – kein eigenständiges Heilmittel für chronische Erkrankungen. Aktuelle klinische Evidenz liefert moderate Belege für posturales Tachykardiesyndrom (POTS) [8], Schlafstörungen im Kontext chronischen Stresses und posttraumatischer Belastungsstörung (PTSD) sowie bei chronisch nierenerkrankten Patienten unter Hämodialyse [6]. Aufkommende (vorläufige) Evidenz unterstützt mögliche Effekte bei Long COVID [4][5][7], medikamentenresistentem Restless‑Legs‑Syndrom (RLS) [3] und entzündlichen Darmerkrankungen (IBD) [1][2]. Keine Evidenz besteht für die Wirksamkeit von tVNS in der onkologischen Therapie oder bei Demenzen.
Wie ist der Vagusnerv mit chronischen Entzündungen verbunden?
Laut dem Übersichtsartikel von Hilderman & Bruchfeld (2020) [2] reguliert der Vagusnerv im Rahmen eines sogenannten cholinergen anti‑inflammatorischen Pfades (cholinergic anti‑inflammatory pathway, CAP) systemische Entzündungsreaktionen. Diese neuro‑immunologische Verbindung spielt in der Forschung zu immer mehr chronischen Erkrankungen eine Rolle:
Der Vagusnerv unterhält über afferente (zum ZNS führende) und efferente (vom ZNS wegführende) Fasern eine bidirektionale Kommunikation zwischen Zentralnervensystem und Eingeweiden. Dem Modell des cholinergen anti‑inflammatorischen Pfades [2] zufolge induzieren vagale Efferenzen in Milz und anderen immunologischen Organen die Freisetzung von Acetylcholin, welches die Produktion pro‑inflammatorischer Zytokine (TNF‑α, IL‑6) durch Immunzellen hemmt. Eine präklinische Studie aus 2022 [1] zeigte, dass bereits 1 Minute Vagusstimulation das Ausmaß einer Dünndarmentzündung in einem Indomethacin‑Modell signifikant reduzierte. Wichtig: die Übertragbarkeit präklinischer Ergebnisse auf den Menschen ist begrenzt – die menschlichen Daten im Bereich IBD sind derzeit vielversprechend.
Der am weitesten akzeptierte Biomarker für das sympathisch‑parasympathische Gleichgewicht ist die Herzfrequenzvariabilität (HRV). Chronisch niedrige HRV steht im Zusammenhang mit kardiovaskulärem Risiko, Schlafstörungen und psychiatrischen Beschwerden. Ein Tierexperiment von Agarwal (2023) zeigte bei Ratten unter chronischem, unvorhersehbarem Stress, dass tVNS die Serum‑Stresshormone und entzündlichen Zytokine senkte und gleichzeitig ECG‑Parameter verbesserte. Die humanen RCT‑Daten von Stavrakis et al. (2024) [8] zeigten bei POTS‑Patienten, dass ein 2‑monatiges tVNS‑Protokoll die orthostatische Herzfrequenzzunahme verringerte und HRV‑Parameter verbesserte. Das autonome Gleichgewicht ist also messbar beeinflussbar; die klinische Relevanz variiert jedoch je nach Indikation.
Etwa 80 % der afferenten Vagusfasern transportieren Informationen aus dem Magen‑Darm‑Trakt zum Zentralnervensystem. Diese „Darm‑Gehirn‑Achse“ erklärt, warum der Vagus‑Tonus zahlreiche gastrointestinale und psychiatrische Zustände beeinflusst. Die präklinische Studie von Caravaca et al. (2022) [1] zeigte, dass 1 Minute Vagusstimulation die Indomethacin‑induzierte Darmentzündung signifikant reduzierte; der Effekt war nicht streng amplitudenabhängig – es ist also nicht allein der cholinerge Pfad verantwortlich. Beim Menschen laufen implantierte VNS‑Studien (SetPoint Medical) für IBD; tVNS befindet sich noch in Prüfphasen. Heim‑tVNS ersetzt NICHT die fachärztliche IBD‑Therapie.
Wie steht es um die klinische Evidenz? – ein ehrliches Gesamtbild
Das Forschungsfeld der Vagusstimulation wächst schnell, doch Qualität und Quantität der Evidenz variieren stark zwischen den Anwendungsgebieten. Das folgende Accordion ordnet die häufig diskutierten Indikationen in drei Kategorien:
Die doppelt‑blinde, sham‑kontrollierte RCT von Stavrakis et al. (2024) [8] an 26 POTS‑Patienten bestätigte die Wirksamkeit von tVNS: Ein 2‑monatiges Protokoll mit 1 Stunde/Tag (20 Hz, 1 mA unterhalb der Unbehaglichkeitsschwelle) reduzierte signifikant die orthostatische Herzfrequenzsteigerung (17,6 vs. 31,7 bpm; p=0,01) sowie anti‑adrenerge Autoantikörper und entzündliche Zytokine. Wichtig: POTS ist eine komplexe autonome Dysfunktion, die die fachärztliche Begleitung durch Autonom‑Neurologen oder Innere Mediziner erfordert; tVNS bleibt auch hier eine ergänzende Modalität.
Die randomisierte kontrollierte Studie von Zhang et al. (2025) [6] mit 63 Dialysepatienten untersuchte ein 8‑wöchiges tVNS‑Protokoll (1 Stunde/Tag, 3× pro Woche). Die aktive Gruppe zeigte eine signifikante Verbesserung der Dialyseeffizienz (Single‑pool Kt/V: 1,31 vs. 1,25; p=0,02) sowie der Dialyse‑Symptome (DSI: 12,09 vs. 16,26; p=0,004) und verringerte Schmerz‑ und Erschöpfungswerte. Die Übersichtsarbeit von Hilderman (2020) [2] deutet darauf hin, dass die Modulation des cholinergen anti‑inflammatorischen Pfades bei chronischer Nierenerkrankung vielversprechend sein könnte, da systemische Entzündung eine zentrale Rolle bei der kardiovaskulären Mortalität spielt. tVNS ERSETZT NICHT die Dialyse oder nephrologische Betreuung – es ist als Ergänzung und unter fachärztlicher Aufsicht zu prüfen.
Die Pilot‑RCT von Badran et al. (2022) [5] untersuchte 13 Long‑COVID‑Patienten über ein 4‑wöchiges Heim‑tVNS‑Protokoll (2×1 Stunde/Tag). Die Methode war sicher und zu Hause anwendbar; wegen der kleinen Stichprobe sind aussagekräftige Wirksamkeitsbeurteilungen jedoch limitiert, es zeigte sich ein Trend zur Reduktion mentaler Fatigue. Die Pilotstudie von Zheng et al. (2024) [4] an 24 weiblichen Long‑COVID‑Patientinnen berichtete nach 10 Tagen Heim‑tVNS über signifikante Verbesserungen kognitiver Funktionen, Angst, Depression und Schlaf; die Fatigue‑Verbesserung wurde bei der 1‑Monat‑Nachuntersuchung signifikant. Die Übersichtsarbeit von Linnhoff et al. (2023) [7] listet tVNS als vielversprechende nicht‑invasive Neuromodulationsoption bei Long‑COVID‑bedingter kognitiver Fatigue. Wichtig: dies sind Pilotstudien; größere randomisierte, doppelblinde RCTs sind erforderlich, um definitive Schlüsse zu ziehen.
Die Pilotstudie von Hartley et al. (2023) [3] setzte bei 15 schwer betroffenen, medikamentenresistenten RLS‑Patienten wöchentlich 1 Stunde tVNS über 8 Wochen an der Cymba conchae ein. Bei 66 % (10/15) kam es zu einer Symptomreduktion (International RLS Scale: 31,9 → 24,6); zudem verbesserten sich Lebensqualität sowie Angst‑ und Depressionswerte. Wichtig: dies war eine Pilotstudie ohne Kontrollgruppe; kontrollierte RCTs sind für eine Bewertung erforderlich.
Die präklinische Arbeit von Caravaca et al. (2022) [1] und die Übersichtsarbeit von Hilderman (2020) [2] deuten darauf hin, dass die Erhöhung des parasympathischen Tonus an der Modulation entzündlicher Prozesse bei chronischem Stress beteiligt sein könnte. Beim Menschen ist die Vagusstimulation sicher und gut verträglich, doch ist die Messung einer "stressreduzierenden" Wirkung methodisch schwierig, da Placeboeffekte und Komorbiditäten (Schlaf, Bewegung, Ernährung) die Ergebnisse beeinflussen. tVNS ersetzt NICHT das umfassende Stressmanagement‑Programm (Bewegung, Schlafhygiene, Ernährung, psychologische Unterstützung).
Die Studie von Caravaca et al. (2022) [1] zeigte im Tiermodell, dass 1 Minute Vagusstimulation das Ausmaß der Darmentzündung und die inflammatorischen Zytokinspiegel reduzierte. SetPoint Medical führt derzeit implantierte VNS‑Studien zu rheumatoider Arthritis und IBD durch. Die menschliche Evidenz für Heim‑tVNS bei IBD ist aktuell begrenzt – die Behandlung von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa liegt in der Verantwortung von Gastroenterologen und wird durch spezifische Medikamente (5‑ASA, Kortikosteroide, Biologika) bestimmt. tVNS kann hier nur als ergänzende Modalität und in Absprache mit Fachärzten betrachtet werden.
Wichtig: Was kann NICHT behauptet werden?
Vagusstimulation ist keine nachgewiesene Therapie für onkologische Erkrankungen, Demenz (kognitive Verschlechterung), Alzheimer‑Krankheit oder andere neurodegenerative Zustände. Solche Behauptungen entsprechen nicht der aktuellen klinischen Evidenz. Bei Diabetes ist die Behandlung von Insulinresistenz und Atherosklerose‑assoziierten Stoffwechselstörungen klar ärztliche Aufgabe – tVNS wäre auch hier nur ergänzend und keine Ersatztherapie.
Typische tVNS‑Protokollparameter als ergänzende Behandlung chronischer Erkrankungen
Die aktuellen klinischen Studien [3][4][5][6][8] arbeiteten mit unterschiedlichen Parametern. Heimgeräte bieten oft voreingestellte, optimierte Programme an:
| Parameter | Bereich | Bemerkung |
|---|---|---|
| Frequenz | 20–25 Hz | POTS [8]: 20 Hz; experimentelle CKD [6]: werkseitige Nurosym‑Einstellung |
| Intensität | 1 mA unterhalb der Unbehaglichkeitsschwelle | spürbar, aber NICHT schmerzhaft |
| Stimulationspunkt | Tragus oder Cymba conchae | RLS [3]: Cymba conchae angewendet |
| Behandlungsdauer | 30–60 Minuten/Sitzung | POTS [8]: 1 Stunde täglich; Long COVID [5]: 2×1 Stunde/Tag |
| Frequenz | 1–2× täglich | RLS [3]: 1× wöchentlich, längeres 8‑Wochen‑Programm |
| Programmdauer | 4–12 Wochen | abhängig von der Indikation, erfordert Geduld |
| Timing | vor dem Zubettgehen am Abend oder morgens | nicht während akuten Stressphasen |
| Kombination | Meditation, Atemübungen, Yoga | ein ganzheitlicher Lebensstil verstärkt die Wirkung |
Wann ist die Anwendung sinnvoll?
tVNS ist am effektivsten, wenn es in ruhiger Umgebung, idealerweise vor dem Zubettgehen am Abend oder morgens in einem niedrigen Aktivitätszustand angewendet wird. Nicht anwenden während akuten Stresssituationen oder innerer Anspannung (z. B. während eines beruflichen Konflikts) – hier dominiert die sympathische Aktivierung und die Stimulation ist limitiert wirksam. Die Kombination mit Meditation, Atemübungen, Yoga oder ruhiger Musik kann die wahrnehmbare Wirkung verbessern.
Was können Sie zusätzlich tun, um den parasympathischen Tonus neben tVNS zu erhöhen?
Die Erhöhung des Vagus‑Tonus erfordert einen komplexen, multimodalen Ansatz. tVNS ist nur ein Baustein:
- Regelmäßige Bewegung: moderates Ausdauertraining (Spazieren, Joggen, Radfahren, Schwimmen) 150 Minuten/Woche – dies ist der am besten dokumentierte Lebensstilfaktor zur Erhöhung der HRV.
- Atemübungen: langsame, tiefe Atmung (4‑7‑8, kohärente Atmung 5–6 Atemzüge/Min) aktiviert direkt den Parasympathikus.
- Schlafhygiene: 7–8 Stunden Schlaf, konsistenter Schlaf‑Wach‑Rhythmus, dunkles/stilles Schlafzimmer.
- Stressmanagement: Meditation, Achtsamkeit, Yoga, Zeit in der Natur – all diese Maßnahmen zeigen belegte HRV‑steigernde Effekte.
- Ernährung: mediterrane Ernährungsweise, ausreichende Proteinzufuhr und Omega‑3‑Fettsäuren; übermäßigen Alkohol und Koffein meiden.
- Soziale Bindungen: starke, unterstützende soziale Beziehungen verbessern nachweislich das autonome Gleichgewicht.
- Kälte‑Exposition: kurze kalte Duschen oder ein kalter Gesichtsstrahl können den Vagus‑Tonus aktivieren („Tauchreflex“).
tVNS‑Behandlung kann ergänzend zu diesen lebensstilbezogenen Maßnahmen eingesetzt werden – sie ersetzt diese Maßnahmen jedoch nicht.
Heim‑tVNS‑Geräte
Im Portfolio von MediMarket verfügbare nicht‑invasive Vagusstimulation‑Geräte:
- Nurosym – CE‑zertifizierter transkutaner aurikulärer Vagusstimulator in Form einer Ohrklammer. Das derzeit am umfassendsten für den Heimgebrauch untersuchte tVNS‑Gerät.
- Zenowell Vita – kompakter aurikulärer tVNS für alltägliche autonome Modulation.
- Zenowell Luna – aurikuläres tVNS mit auf Schlaf und nächtliche Regeneration optimiertem Programm.
Den detaillierten Vergleich der drei Geräte (Parameter, empfohlene Anwendungen) finden Sie im tVNS‑Produktfokus‑Artikel.
Wann ist tVNS nicht empfohlen?
Allgemeine Elektrotherapie‑Gegenanzeigen gelten auch hier (siehe: Elektrische Behandlung – Gegenanzeigen und Elektrische Behandlung und Implantate).
- Schrittmacher, ICD, implantierter Neurostimulator – nur mit Erlaubnis eines Kardiologen / Elektrophysiologen.
- Schwere Herzrhythmusstörungen (signifikante Bradykardie, hochgradiger AV‑Block) – Vagusstimulation kann die Herzfrequenz weiter verlangsamen.
- Schwere Hypotonie (niedriger Blutdruck) – Vagusstimulation kann den Blutdruck weiter senken.
- Aktive maligne Tumoren im Kopf‑/Halsbereich – Vermeidung der Behandlungsregion empfohlen.
- Schwangerschaft – aus Sicherheitsgründen nicht empfohlen.
- Implantiertes Cochlea‑Implantat – Risiko elektrischer Interferenzen.
- Frische Wunde, Entzündung oder Hautinfektion im Bereich der Ohrmuschel.
- Akute, unklare psychiatrische oder neurologische Beschwerden – vorher fachärztliche Abklärung.
- Epilepsie mit schlecht eingestellten Medikamenten – individuelle fachärztliche Beurteilung erforderlich.
Bei der Behandlung chronischer Erkrankungen dürfen verschriebene Medikamente niemals eigenmächtig zugunsten von tVNS abgesetzt werden. Jede Änderung ist mit dem behandelnden Arzt abzusprechen.
Häufige Fragen zu parasympathischer Aktivierung und tVNS
Nein, es ersetzt sie nicht. Alle aktuellen klinischen Studien [1]–[8] positionieren tVNS als ergänzende Modalität. Die Behandlung chronischer Erkrankungen (POTS, IBD, chronische Nierenerkrankung, Depression, Long COVID etc.) ist Aufgabe von Fachärzten und basiert auf spezifischen Medikamenten, Lebensstiländerungen und multidisziplinären Konzepten. Das Absetzen, Reduzieren oder sonstige Verändern verschriebener Medikamente liegt ausschließlich im Entscheidungsbereich des behandelnden Arztes.
Die Zeitspanne in klinischen Studien variiert je nach Indikation. Bei POTS [8] waren 2 Monate, bei Hämodialysepatienten [6] 8 Wochen und bei RLS [3] 8 Wochen erforderlich, um substanzielle Verbesserungen zu beobachten. Bei Long COVID‑Pilotstudien [4][5] traten erste Veränderungen nach 10 Tagen bis 4 Wochen auf; die Erschöpfungsreduktion wurde erst bei späteren Nachuntersuchungen deutlicher. Bei chronischen Erkrankungen ist typischerweise eine regelmäßige Anwendung von mindestens 4–8 Wochen notwendig, um eine aussagekräftige Bewertung vorzunehmen.
Nein. Die aktuelle klinische Evidenz unterstützt nicht Vagusstimulation als Therapie für Krebs oder Demenz. Solche Aussagen sind marketingorientiert und nicht durch die wissenschaftliche Literatur gedeckt. Die Behandlung onkologischer Erkrankungen obliegt Onkologen (Chirurgie, Chemotherapie, Strahlentherapie, Immuntherapie); Alzheimer und andere Demenzen werden von Neurologen / Psychiatern betreut. Lassen Sie sich nicht tVNS als „Wunderheilmittel“ für diese Erkrankungen anbieten.
Aktuelle Pilotstudien [4][5][7] zeigen ermutigende Signale: In der Studie von Zheng et al. (2024) [4] an 24 Patientinnen wurden bereits nach 10 Tagen signifikante Verbesserungen bei kognitiven Funktionen, Angst, Depression und Schlaf gemessen; die Fatigue‑Verbesserung war bei 1‑Monats‑Nachuntersuchung signifikant. Aber: es handelt sich um kleine Pilotstudien, häufig ohne adäquate Kontrollgruppen oder mit limitiertem Placebo‑Kontrollansatz. Große randomisierte, doppelblinde RCTs sind notwendig, um verbindliche Aussagen zu treffen. Long COVID wird derzeit interdisziplinär behandelt (Innere Medizin, Neurologie, Physiotherapie, Psychologie) – tVNS ist hier ebenfalls eine ergänzende Option.
Klinische Studien und praktische Erfahrung legen nahe, dass tVNS am wirksamsten ist, wenn es in einer ruhigen Umgebung vor dem Zubettgehen am Abend oder am Morgen angewendet wird. Der ideale Zustand ist sitzend oder liegend, in einem stillen Raum, ggf. während Meditation oder tiefer Atmung. Nicht anwenden bei akutem Stress, körperlicher Aktivität oder während Telefon-/Bildschirmnutzung – in diesen Situationen dominiert das sympathische System und die parasympathische Aktivierung ist weniger effektiv.
Generell eher nicht – nur mit Erlaubnis eines Kardiologen / Elektrophysiologen. Vagusstimulation kann die Herzfrequenz beeinflussen (verlangsamen); bei schwerer Bradykardie, hochgradigem AV‑Block oder sick‑sinus‑Syndrom kann dies gefährlich sein. Pacemaker, ICD oder andere implantierte Neurostimulatoren bergen das Risiko elektrischer Interferenzen. Detaillierte Hinweise finden Sie im Artikel Elektrische Behandlung und Implantate.
Zusammenfassung – parasympathische Aktivierung und chronische Erkrankungen
Was jede Interessierte/jeder Interessierte wissen sollte
- Der Vagusnerv ist die Hauptbahn des parasympathischen Systems und Teil des cholinergen anti‑inflammatorischen Pfades [2] – er verknüpft parasympathische Aktivität mit chronischen Entzündungen und autonomen Dysfunktionen.
- Moderate Evidenz: POTS [8] (RCT n=26), Hämodialyse [6] (RCT n=63), chronischer Stress und kardiale Dysfunktion (Tierexperiment + Übersichtsarbeit [2]).
- Aufkommende (Pilot‑)Evidenz: Long COVID [4][5][7], medikamentenresistentes RLS [3], IBD (präklinisch [1] + laufende humane Studien).
- KEINE Evidenz: eigenständige Therapie von Onkologie oder Demenz – tVNS ist hier nicht als nachgewiesene Therapie einzustufen.
- Typisches Protokoll: 20–25 Hz, 30–60 Minuten/Tag, abends oder morgens, Programmdauer 4–12 Wochen.
- tVNS ist eine ergänzende Modalität und ersetzt nicht die fachärztliche Diagnostik, verschriebene Medikamente oder multidisziplinäre Behandlungspakete.
- Neben tVNS sind Bewegung, Atemübungen, Schlafhygiene, Meditation wirksame Maßnahmen zur Erhöhung des parasympathischen Tonus.
- Gegenanzeigen (Schrittmacher, schwere Bradykardie, niedriger Blutdruck, Schwangerschaft, Cochlea‑Implantat) sind strikt zu beachten.
- Heimgeräte: Nurosym, Zenowell Vita, Zenowell Luna.
Wissenschaftliche Quellen (2020+)
Die Ziffern [1]–[8] im Artikel verweisen auf die folgenden Studien (Nummer = Reihenfolge in der ol‑Liste):
- Caravaca AS, Levine YA, Drake A, Eberhardson M, Olofsson PS. Vagus Nerve Stimulation Reduces Indomethacin‑Induced Small Bowel Inflammation. Frontiers in Neuroscience. 2022;15:730407. PMID: 35095387.
- Hilderman M, Bruchfeld A. The cholinergic anti‑inflammatory pathway in chronic kidney disease – review and vagus nerve stimulation clinical pilot study. Nephrology Dialysis Transplantation. 2020;35(11):1840-1852. PMID: 33151338.
- Hartley S, Bao G, Zagdoun M, Chevallier S, Lofaso F, Leotard A, Azabou E. Noninvasive Vagus Nerve Stimulation: A New Therapeutic Approach for Pharmacoresistant Restless Legs Syndrome. Neuromodulation. 2023;26(3):629-637. PMID: 36400697.
- Zheng ZS, Simonian N, Wang J, Rosario ER. Transcutaneous vagus nerve stimulation improves Long COVID symptoms in a female cohort: a pilot study. Frontiers in Neurology. 2024;15:1393371. PMID: 38756213.
- Badran BW, Huffman SM, Dancy M, Austelle CW, Bikson M, Kautz SA, George MS. A pilot randomized controlled trial of supervised, at‑home, self‑administered transcutaneous auricular vagus nerve stimulation (taVNS) to manage long COVID symptoms. Bioelectronic Medicine. 2022;8(1):13. PMID: 36002874.
- Zhang Q, Dou J, Ao H, Guo D, Yang X, Li M. Effect of transcutaneous vagus nerve stimulation in hemodialysis patients: A randomized controlled trial. Therapeutic Apheresis and Dialysis. 2025. PMID: 39754453.
- Linnhoff S, Koehler L, Haghikia A, Zaehle T. The therapeutic potential of non‑invasive brain stimulation for the treatment of Long‑COVID‑related cognitive fatigue. Frontiers in Immunology. 2023;13:935614. PMID: 36700201.
- Stavrakis S, Chakraborty P, Farhat K, Whyte S, Morris L, Abideen Asad ZU, Karfonta B, Anjum J, Matlock HG, Cai X, Yu X. Noninvasive Vagus Nerve Stimulation in Postural Tachycardia Syndrome: A Randomized Clinical Trial. JACC: Clinical Electrophysiology. 2024;10(2):346-355. PMID: 37999672.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt nicht die persönliche ärztliche Beratung. Die dargestellten nicht‑invasiven tVNS‑Geräte sind CE‑zertifizierte Medizinprodukte; die zitierten klinischen Studien wurden mit unterschiedlichen Geräten und Protokollen durchgeführt, die Ergebnisse können individuell variieren. Die Diagnostik und Behandlung chronischer Erkrankungen ist Aufgabe von Fachärzten – tVNS ist eine ergänzende Modalität und ersetzt nicht verschriebene Medikamente, lebensstilbezogene Änderungen oder multidisziplinäre Behandlungskonzepte. Gegenanzeigen (Schrittmacher, schwere Bradykardie, niedriger Blutdruck, Schwangerschaft, Cochlea‑Implantat) sind strikt zu beachten. Bei neuen, sich verschlechternden oder unklaren Beschwerden wenden Sie sich an Ihren behandelnden Arzt.