Ursachen, Symptome und häusliche Behandlung von Spastizität mit NMES-Therapie
Wenn du mit Spastizität lebst, kennst du das frustrierende Gefühl, wenn deine Muskeln einfach nicht gehorchen. Sie verspannen sich, versteifen, ziehen sich krampfartig zusammen – als würde dein eigener Körper sich gegen dich richten. Das Gehen wird beschwerlich, alltägliche Bewegungen zur Herausforderung. Und vielleicht das Schlimmste: Du fühlst dich diesem Zustand ausgeliefert und hilflos. Aber es gibt gute Nachrichten: Spastizität ist kein unabänderliches Schicksal. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Neurorehabilitation stark weiterentwickelt, und heute gibt es auch für zu Hause anwendbare Methoden, die helfen können, die Muskelspannung zu verringern und die Kontrolle über die Bewegung zurückzugewinnen. Eine der vielversprechendsten Methoden ist die NMES (neuromuskuläre elektrische Stimulation)-Therapie.
Wenn dich interessiert, wie häusliche Medizintechnik in die moderne Gesundheitsversorgung passt, lies meinen umfassenden Artikel Wofür ist häusliche Medizintechnik?.
Was ist Spastizität?
Spastizität ist eine krankhafte, anhaltende Muskelanspannung. Das ist nicht einfach ein Muskelkrampf oder normale Steifheit – sie entsteht infolge einer Schädigung des zentralen Nervensystems (Gehirn oder Rückenmark), bei der das Gehirn den Muskeltonus nicht mehr richtig regulieren kann.
Unter normalen Bedingungen kommuniziert dein Gehirn ständig mit deinen Muskeln: Es sendet Signale, dass sie sich anspannen oder entspannen sollen. Wenn diese Kommunikation durch eine neurologische Schädigung unterbrochen wird, schalten die Muskeln in einen "Standardmodus" – was leider eine übermäßige Anspannung bedeutet.
Ursachen der Spastizität
Spastizität ist immer Folge einer Schädigung des Nervensystems. Die häufigsten Auslöser sind:
Schlaganfall (zerebraler Infarkt)
Spastizität nach einem Schlaganfall ist die häufigste Form. Etwa 20–40 % der Patientinnen und Patienten entwickeln sie, meist 1–6 Wochen nach dem Schlaganfall.¹ Sie tritt vor allem an Arm und Bein der betroffenen Seite auf und kann die Rehabilitation erheblich erschweren.
Multiple Sklerose (MS)
Bei MS-Patienten tritt in 60–84 % eine Form von Spastizität auf.² Durch den autoimmunen Prozess wird die Myelinhülle geschädigt, was zu allmählich zunehmender und oft progredienter Muskelsteifigkeit führt.
Zerebrale Parese
Folge einer Schädigung des Gehirns bei Geburt oder im frühen Kindesalter. Bei etwa 80 % der Kinder mit zerebraler Parese tritt in unterschiedlichem Ausmaß Spastizität auf, die ein Leben lang bestehen kann.
Rückenmarksverletzung
Nach einem Trauma oder einer Krankheit, die das Rückenmark schädigt, kann unterhalb der Läsionshöhe Spastizität auftreten. Das Ausmaß hängt von der Schwere der Verletzung ab.
Weitere Ursachen
Traumatische Hirnverletzung, Hirntumor, hereditäre spastische Paraplegie und bestimmte erbliche Muskelerkrankungen können ebenfalls Spastizität verursachen.
Wie erkennst du die Symptome der Spastizität?
Die Symptome der Spastizität entwickeln sich schrittweise und können in ihrer Ausprägung von Person zu Person variieren:
- Anhaltende Muskelspannung: Die Muskeln sind dauerhaft angespannt, besonders in Armen und Beinen. Diese Spannung verschwindet nicht durch Ruhe.
- Bewegungswiderstand: Beim Versuch, sich zu bewegen, leisten die Muskeln Widerstand – als würde etwas deine Gliedmaßen zurückhalten.
- Gangstörung: Die Schritte werden unregelmäßig, oft mit einer "Scher-" oder "Scheren"-Charakteristik. Knie oder Sprunggelenk können versteifen.
- Feinmotorische Schwierigkeiten: Schreiben, Besteckgebrauch oder Knöpfen werden erschwert.
- Schmerzhafte Muskelkrämpfe: Plötzliche, heftige Krämpfe, besonders nachts oder in Ruhephasen.
- Temperaturempfindlichkeit: Kälte verschlimmert meist, Wärme kann die Symptome lindern.
Die Symptomschwere kann von Tag zu Tag schwanken. Stress, Müdigkeit, Infektionen oder sogar Verstopfung können den Zustand verschlechtern.
Konventionelle Behandlungsmöglichkeiten
Die Behandlung der Spastizität erfordert meist eine Kombination verschiedener Methoden:
Medikamentöse Therapie
Muskelrelaxanzien (Baclofen, Tizanidin, Diazepam) können die Muskelspannung reduzieren, haben aber Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Schwindel und Schwäche. Eine Langzeitanwendung erfordert sorgfältige ärztliche Überwachung.
Botulinumtoxin-Injektionen
Gezielt in bestimmte Muskelgruppen injiziert, bewirken sie eine lokale Muskelentspannung von 3–6 Monaten. Besonders geeignet, wenn nur einzelne Muskeln betroffen sind. Die Behandlung muss regelmäßig wiederholt werden.
Physiotherapie und Krankengymnastik
Das Fundament der Rehabilitation. Durch von Fachkräften geleitete Dehn- und Kräftigungsübungen wird der Bewegungsumfang erhalten und Kontrakturen vorgebeugt.
NMES-Therapie: Eine neue Option für die Behandlung zu Hause
Was ist NMES und wie funktioniert es?
Die neuromuskuläre elektrische Stimulation (NMES) ist eine therapeutische Methode, bei der über Elektroden kontrollierte elektrische Impulse durch die Haut an die Muskeln geleitet werden. Diese Impulse imitieren die natürlichen Signale des Nervensystems und lösen Muskelkontraktionen aus – wobei die beschädigten Nervenbahnen umgangen werden.
Wichtig: NMES ist nicht dasselbe wie TENS (das vor allem zur Schmerzlinderung eingesetzt wird) und auch nicht für die Behandlung denervierter Muskeln gleichzusetzen!
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass NMES bei Spastizität durch mehrere Mechanismen wirken kann:³
- Erhöhte Aktivierung der IIb-Fasern, was die hemmende Funktion der Renshaw-Zellen unterstützt
- Förderung der reziproken Hemmung der Antagonisten
- Verbesserung der Funktion der sensorischen Rezeptoren in der Haut
- Förderung spinaler Plastizität
NMES-Frequenzen und ihre Wirkungen
Die Wirksamkeit der NMES-Therapie hängt stark von der verwendeten Frequenz ab. Die drei Hauptbereiche sind:
| Frequenz | Wirkung | Bei Spastizität |
|---|---|---|
| Niedrig (1–10 Hz) | Feine Muskelzuckungen, entspannende Wirkung, verbesserte Durchblutung | Weniger geeignet zur direkten Reduktion von Spastizität |
| Mittel (20–50 Hz) | Stetige, kontrollierte Muskelkontraktion, optimales Gleichgewicht | Optimale Zone bei Spastizität |
| Hoch (50–100 Hz) | Kraftvolle Kontraktion, schnelle Muskelermüdung | Vorsichtig anwenden – kann die Spannung verstärken |
Studien legen nahe, dass der Bereich von 20–50 Hz, besonders 35–40 Hz, bei Spastizität am günstigsten ist.⁴ Diese Frequenzen sprechen vor allem langsamere Muskelfasern (Typ I) an, deren Stimulierung bei Spastizität vorteilhaft sein kann.
Was sagen die Studien?
Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse aus dem Jahr 2022 wertete 20 randomisierte kontrollierte Studien aus und fand, dass NMES positive Effekte auf Alltagsaktivitäten (ADL) nach Schlaganfall haben kann, insbesondere bei Anwendung in der subakuten Phase.⁵
Eine frühere Metaanalyse von 2015 mit 29 Studien und 940 Teilnehmern kam zu dem Schluss, dass NMES in Kombination mit anderen Behandlungen Spastizität reduzieren und den Bewegungsumfang bei Schlaganfallpatienten erhöhen kann.⁶
Praktischer Leitfaden zur Anwendung von NMES zu Hause
Vor dem Beginn
Bevor du mit NMES beginnst, konsultiere deinen behandelnden Arzt oder Physiotherapeuten. Sie helfen dir bei der Festlegung von:
- Ob diese Therapie für dich geeignet ist
- Welche Muskeln behandelt werden sollen
- Welche Frequenz und Intensität zu verwenden ist
- Wie sich die Therapie in deine übrigen Behandlungen einfügt
Ablauf der Behandlung
Platzierung der Elektroden: Setze die Elektroden an die beiden Enden des zu behandelnden Muskels entsprechend seinem Verlauf. Achte darauf, dass die Haut sauber und trocken ist. Die Elektroden sollten sich nicht berühren.
Einstellungen: Beginne stets mit niedriger Intensität und steigere langsam, bis du eine angenehme, aber spürbare Muskelkontraktion wahrnimmst. Bei Spastizität wird üblicherweise der Frequenzbereich 20–50 Hz empfohlen.
Dauer: Eine Behandlungssitzung dauert in der Regel 15–30 Minuten. Als Anfänger setze die Therapie einmal täglich ein, später – wenn du sie gut verträgst – gegebenenfalls zweimal täglich, wobei du immer mindestens 4–6 Stunden Pause einhalten solltest.
Regelmäßigkeit: NMES ist kein Wundermittel – erwarte keine sofortigen Ergebnisse nach einer einzigen Sitzung. Erfahrungen zeigen, dass nach 4–6 Wochen regelmäßiger Anwendung spürbare Veränderungen auftreten können. Nach Absetzen der Behandlung kann der Zustand schrittweise zum Ausgangsniveau zurückkehren.
Anwendung der reziproken Hemmung
Eine wichtige Technik ist, nicht nur den spastischen Muskel, sondern auch seinen Antagonisten (Gegenspieler) zu stimulieren. Wenn zum Beispiel der Bizeps spastisch ist, kann die Stimulation des Trizeps zur Entspannung des Bizeps beitragen. Diese Technik erlernst du am besten mit Hilfe deines Physiotherapeuten.
Geräteauswahl
Häusliche NMES-Geräte sind mit unterschiedlichen Funktionen und in verschiedenen Preisklassen erhältlich. Achte bei der Auswahl auf:
- Verstellbare Frequenz (mindestens 1–80 Hz)
- Fein regulierbare Intensität
- Anzahl der Kanäle (2 Kanäle genügen für eine Muskelgruppe, 4 Kanäle für größere Bereiche)
- Vorprogrammierte Protokolle
- Gebrauchsanleitung in deutscher Sprache
Kombinierte Behandlungsansätze
NMES kann allein helfen, aber kombiniert mit anderen Methoden sind die Ergebnisse meist besser:
Wärme + NMES + Dehnen: Nach einem warmen Bad oder einer Wärmepackung NMES anwenden, anschließend sanfte Dehnübungen. Wärme bereitet die Muskeln vor, NMES mindert die Spannung, Dehnen hilft den Bewegungsumfang zu erhalten.
Massage + NMES: Leichte Massage der zu behandelnden Region, danach NMES-Behandlung und abschließend nochmals kurze Massage.
Aktive Bewegung + NMES: Studien zeigen, dass die Kombination aus NMES und gezielten Bewegungsübungen bessere Ergebnisse liefern kann als jede Methode allein.⁵
Lifestyle-Tipps zur Linderung von Spastizität
Regelmäßige Bewegung
Tägliche Aktivität ist entscheidend. Lieber täglich 15–20 Minuten gezielte Übungen als einmal pro Woche eine Stunde. Regelmäßigkeit ist wichtiger als Intensität.
Dehnübungen
Dehne langsam und kontrolliert und halte jede Dehnung 20–30 Sekunden. Nicht federn oder ruckartig dehnen – ein spastischer Muskel kann bei plötzlicher Bewegung reflexhaft kontrahieren.
Stressmanagement
Stress kann Spastizität deutlich verstärken. Progressive Muskelentspannung, Atemübungen und Meditation können helfen.
Umgebungsfaktoren
Halte die Wohnung eher warm – Kälte verstärkt die Muskelspannung. Trage bequeme, nicht einengende Kleidung. Vermeide langes unbewegtes Sitzen oder Liegen.
Wann du NMES NICHT anwenden solltest
NMES ist in der Regel sicher, aber in bestimmten Fällen kontraindiziert:
- Herzschrittmacher oder implantierbarer Defibrillator – Anwendung verboten
- Schwangerschaft – nicht empfohlen
- Epilepsie – nur unter ärztlicher Aufsicht
- Aktive Krebserkrankung – im zu behandelnden Bereich verboten
- Akute Entzündung, Infektion, Fieber – Behandlung verschieben
- Verletzte oder gereizte Hautstellen – meiden
- Metallimplantat im Behandlungsbereich – mit Arzt abklären
- Herzbereich, Vorderseite des Halses, Kopf – niemals anwenden
Bei Kindern unter 18 Jahren und Patienten mit schweren kardiovaskulären Erkrankungen nur unter medizinischer Aufsicht anwenden.
Mögliche Nebenwirkungen
Die Nebenwirkungen von NMES sind meist mild und vorübergehend:
- Rötung an den Elektrodenstellen (normalerweise vorübergehend)
- Leichte Muskelermüdung nach der Behandlung
- Selten: Hautirritation oder allergische Reaktion auf das Elektroden-Gel
Bei anhaltender Rötung, Juckreiz, Schmerzen oder Schwellung reduziere die Intensität oder setze die Behandlung aus und konsultiere einen Arzt.
Wann solltest du einen Arzt aufsuchen?
Suche sofort einen Arzt auf, wenn:
- Die Spastizität plötzlich und deutlich schlimmer wird
- Neue Symptome auftreten (starke Schmerzen, Schwellung, Rötung, Fieber)
- Nach 6–8 Wochen häuslicher Therapie keine Besserung zu sehen ist
- Die Spastizität deine Lebensqualität deutlich beeinträchtigt
Zusammenfassung – Schnellüberblick
Worum geht es in diesem Artikel? Ein umfassender Leitfaden zur Spastizität: Ursachen, Symptome, konventionelle und häusliche Behandlungsoptionen mit besonderem Fokus auf NMES-Therapie.
Für wen ist das gedacht? Für Menschen mit Spastizität (nach Schlaganfall, Multiple Sklerose, zerebraler Parese, Rückenmarksverletzung) und ihre Angehörigen, die nach häuslichen Behandlungsmöglichkeiten suchen.
Wesentliche Botschaften:
- Spastizität ist anhaltende Muskelanspannung infolge einer Schädigung des Nervensystems
- NMES (neuromuskuläre elektrische Stimulation) kann helfen, die Symptome zu reduzieren
- Der Frequenzbereich 20–50 Hz scheint bei Spastizität optimal zu sein
- Regelmäßige, langfristige Anwendung kann signifikante Ergebnisse bringen
- NMES erzielt meist die besten Resultate in Kombination mit anderen Therapien
Häufig gestellte Fragen:
Wie lange dauert es, bis eine Besserung zu erwarten ist?
Erfahrungen zufolge sind nach 4–6 Wochen regelmäßiger Anwendung spürbare Veränderungen zu erwarten. Die Behandlung der Spastizität ist ein langfristiger Prozess.
Kann ich das Gerät allein, ohne Arzt, verwenden?
Das NMES-Gerät kann zu Hause verwendet werden, aber vor Beginn der Therapie und in regelmäßigen Abständen solltest du deinen behandelnden Arzt oder Physiotherapeuten konsultieren.
Kann NMES Medikamente ersetzen?
NMES ist eine ergänzende Therapie und ersetzt nicht die vom Arzt verordneten Medikamente. Änderungen der Medikation dürfen nur ärztlich vorgenommen werden.
Welche Frequenz soll ich verwenden?
Bei Spastizität wird üblicherweise der Bereich 20–50 Hz, besonders 35–40 Hz, empfohlen. Die genaue Einstellung besprichst du am besten mit deinem Physiotherapeuten.
Quellen
- Ward AB. (2012). A literature review of the pathophysiology and onset of post-stroke spasticity. Eur J Neurol. PubMed: 22243321
- Rizzo MA, et al. (2004). Prevalence and treatment of spasticity reported by multiple sclerosis patients. Mult Scler. PubMed: 15584489
- Stein C, et al. (2015). Effects of Electrical Stimulation in Spastic Muscles After Stroke. Stroke. PubMed: 26173724
- Papathanasiou G, et al. (2022). The Effect of NMES in the Management of Post-stroke Spasticity: A Scoping Review. Cureus. PMC: 9800032
- Theis N, et al. (2022). NMES Improves Activities of Daily Living Post Stroke: A Systematic Review and Meta-analysis. Arch Rehabil Res Clin Transl. PubMed: 35282150
- Jaqueline da Cunha M, et al. (2018). Effectiveness of NMES on Lower Limbs of Patients With Hemiplegia After Chronic Stroke. Arch Phys Med Rehabil. PubMed: 29357280
Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen dienen nur zu Informationszwecken und ersetzen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultiere vor Beginn einer NMES-Therapie deinen behandelnden Arzt. Häusliche Therapiegeräte dienen der Ergänzung der ärztlichen Behandlung und nicht dem Ersatz derselben.