In meiner ärztlichen Praxis erlebe ich, dass Stuhlinkontinenz viel besser behandelbar ist, als die meisten Betroffenen erwarten. Die konservative Behandlung – Beckenbodenmuskeltraining, Biofeedback, Elektrostimulation – ist die Erstlinientherapie und kann in vielen Fällen deutliche Verbesserungen bringen, bevor eine chirurgische Intervention notwendig wird.1
Kernaussage
Stuhlinkontinenz ist kein natürlicher Bestandteil des Alterns. Die Schließmuskel-Funktion lässt sich durch gezieltes Training verbessern – besonders, wenn die Behandlung früh begonnen wird.
Arten der Stuhlinkontinenz
Stuhlinkontinenz kann in mehreren Formen auftreten. Die Art bestimmt die therapeutische Herangehensweise:
Es tritt ein plötzlicher, intensiver Stuhldrang auf, und Sie können nicht bis zur Toilette zurückhalten. Dies ist die häufigste Form. Die Ursache ist oft eine Schwäche des inneren Schließmuskels oder eine Störung der Rektalwahrnehmung.
Der Stuhl entweicht unwillkürlich, oft ohne dass der Betroffene es wahrnimmt. Diese Form deutet auf eine Schädigung des inneren Schließmuskels oder eine gestörte nervale Steuerung hin. Sie tritt besonders häufig bei neurologischen Erkrankungen auf (MS, Rückenmarksverletzung).
Harn- und Stuhlinkontinenz treten gemeinsam auf. Dies spricht für eine umfassende Schwäche der Beckenbodenmuskulatur und erfordert einen komplexen Therapieansatz. Beckenbodenmuskeltraining kann beide Probleme verbessern.
Wichtig
Stuhlinkontinenz erfordert eine ärztliche Abklärung. Im Hintergrund können Schließmuskelverletzungen, neurologische Erkrankungen, Darmentzündungen oder andere Ursachen stehen. Wenden Sie sich an Ihren Hausarzt, Proktologen oder Gastroenterologen.
Warum entsteht sie?
Hinter Stuhlinkontinenz können verschiedene Ursachen stehen:
| Ursache | Betroffene Gruppe | Mechanismus |
|---|---|---|
| Geburtsverletzung (Sphinkterriss) | Frauen – nach vaginaler Geburt | Direkte Verletzung des Schließmuskels, Dehnung des Nervus pudendus |
| Prostata- oder Rektumoperation | Männer | Operative Schädigung des Schließmuskels oder der Nerven |
| Neurologische Erkrankungen (MS, Parkinson, Rückenmarksverletzung) | Beide Geschlechter | Gestörte nervale Steuerung |
| Alter (Abnahme der Muskelmasse) | Beide Geschlechter, 65+ | Allmähliche Schwächung des Schließmuskels |
| Entzündliche Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa) | Beide Geschlechter | Chronische Entzündung, Gewebeschädigung |
| Strahlentherapie (Beckenbereich) | Beide Geschlechter | Strahlenschädigung |
Wie wird behandelt?
Die konservative Behandlung ist die Erstlinientherapie der Stuhlinkontinenz. Eine Operation wird in der Regel nur erwogen, wenn konservative Maßnahmen keinen Erfolg bringen.3
Das Beckenbodenmuskeltraining (PFMT) basiert auf bewusstem Anspannen und Entspannen des Schließmuskels. Regelmäßiges Training kann die Muskelkraft und die Haltefähigkeit erhöhen. Die systematische Übersichtsarbeit von Mazur-Bialy stützt PFMT bei Stuhlinkontinenz mit Evidenzniveau B.1
Biofeedback gibt in Echtzeit visuelles Feedback zur Schließmuskelaktivität. Der Patient „sieht" die Muskelaktivität auf einem Display, was das Erlernen der richtigen Technik unterstützt. Die Übersichtsarbeit von Mazur-Bialy bewertet Biofeedback bei Stuhlinkontinenz mit Evidenzniveau A – der stärksten Evidenz unter den konservativen Methoden.1
Die Elektrostimulation aktiviert den Schließmuskel mit niederintensiven Impulsen – besonders nützlich, wenn eine eigenständige Kontraktion nicht möglich ist. Die randomisierte Studie von Cohen-Zubary et al. zeigte, dass die häusliche Elektrostimulation das Inkontinenz-Score signifikant verbesserte und kosteneffektiver war als klinisches Biofeedback.2
Laut der Übersichtsarbeit von Lal kann die Kombination aus EMG-Biofeedback und Elektrostimulation bessere Ergebnisse liefern als jede Methode allein.3
Was ist zu erwarten?
Die Behandlung der Stuhlinkontinenz verläuft in der Regel langsamer als bei Harninkontinenz. Erste günstige Zeichen zeigen sich nach 4–8 Wochen regelmäßiger Therapie. Für ein dauerhaftes Ergebnis wird ein Behandlungszyklus von 12–16 Wochen empfohlen. Detaillierte Protokolle finden Sie hier: Behandlung in der Praxis – Protokolle →
Postpartale Schließmuskelverletzung
Beim vaginalen Geburtsvorgang können Schließmuskel und Nervus pudendus verletzt werden – besonders bei Vakuum- oder Zangenentbindungen, lang dauernden Geburten oder sehr großen Kindern. Schließmuskelverletzungen (3. und 4. Grades) treten in etwa 5–9 % der Fälle auf, versteckte Verletzungen sind jedoch häufiger.
Bei postpartaler Stuhlinkontinenz kann die Beckenbodenphysiotherapie – einschließlich Elektrostimulation – effektiv zur Wiederherstellung der Schließmuskel-Funktion beitragen.1
Tipp nach der Geburt
Wenn Sie nach der Geburt Probleme mit dem Stuhldruck oder der Kontinenz bemerken, ignorieren Sie dies nicht. Suchen Sie Ihre Geburtsklinik oder Ihren Frauenarzt auf – je früher Sie mit der Behandlung beginnen, desto besser sind die Heilungsaussichten. Häusliche Elektrostimulationsgeräte können nach ärztlicher Rücksprache eine sinnvolle Ergänzung der Rehabilitation sein.
Postoperative Inkontinenz nach Prostata- und Rektumoperationen
Nach radikaler Prostatektomie oder Rektumresektionen (z. B. low anterior resection) kann die Schließmuskel-Funktion vorübergehend oder dauerhaft beeinträchtigt sein. Das sogenannte „low anterior resection syndrome“ (LARS) kann bei bis zu 80 % der Patienten nach Rektumoperationen auftreten – dazu zählen Stuhltropfen, Drang und häufigere Stuhlgänge.
Konservative Maßnahmen – PFMT, Biofeedback, Elektrostimulation – können die Funktion verbessern. Die Übersichtsarbeit von Lal empfiehlt, vor einer frühen Operation mehrere konservative Methoden auszuprobieren.3
Nach Prostatektomie
Wenn nach einer Prostataoperation sowohl Harn- als auch Stuhlinkontinenz auftritt, kann Beckenbodenmuskeltraining beiden Problemen zugutekommen. Im Artikel zur Harninkontinenz habe ich die Rehabilitation nach Prostatektomie ausführlich beschrieben.
Welches Gerät kann helfen?
| Segment | Gerät | Für wen? | Hauptvorteil |
|---|---|---|---|
| Mittelklasse | Biolito | Stress-, Drang- und gemischte Inkontinenz | 2 Kanäle, 10 Programme, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis |
| Perfect PFE for Men | Inkontinenz nach Prostataoperation, Männer | 5 Programme, anale Sonde, bei chronischen Beckenschmerzen | |
| Myolito | Inkontinenz + Schmerztherapie kombiniert | TENS + EMS + FES in einem Gerät, 12 Programme | |
| Premium | Sure Pro | Dranginkontinenz, tibiale Nervenstimulation | 15 Programme, 2 Kanäle, TIBN, wiederaufladbarer Akku |
| evoStim UG | Verschiedene Inkontinenzformen + Schmerz + Vaginismus | 5 Programmgruppen, IntelliSTIM, 6 kompatible Sonden | |
| evoStim P | Rehabilitation mit Biofeedback-Kontrolle | Druck-Biofeedback, ETS, Echtzeit-Feedback | |
| evoStim E | Klinisches Level-Messen, EMG-Biofeedback | EMG-Biofeedback, objektive Kraftmessung der Muskulatur |
Mein Rat
Bei Stuhlinkontinenz ist Biofeedback oft besonders wichtig: Die bewusste Kontrolle des Schließmuskels ist schwerer zu erlernen als die des Harnröhrenschließmuskels. Das evoStim P (Druck-Biofeedback) oder das evoStim E (EMG-Biofeedback) ermöglichen eine objektive Messung des Fortschritts.
Die vollständige Auswahl an Inkontinenzgeräten finden Sie auf der Seite der Inkontinenzgeräte.
Wissenschaftlicher Hintergrund
Die Wirksamkeit konservativer Behandlungsmethoden der Stuhlinkontinenz wird durch die folgenden klinischen Studien und Übersichtsarbeiten gestützt:
2020 – Mazur-Bialy et al., systematische Übersicht
Umfassende Bewertung physiotherapeutischer Methoden bei Stuhlinkontinenz. Biofeedback erhielt Evidenzniveau A (stärkste Evidenz), PFMT und Elektrostimulation erhielten Evidenzniveau B. Die Autoren empfehlen Physiotherapie als Erstlinientherapie.1
2015 – Cohen-Zubary et al., randomisierte Studie
Vergleich häusliche Elektrostimulation vs. klinisches Biofeedback bei Frauen. Die häusliche Elektrostimulation verbesserte das Inkontinenz-Score und die Angst signifikant. Die Kosten lagen bei etwa der Hälfte der klinischen Behandlung bei vergleichbarer Wirksamkeit.2
2019 – Lal et al., systematische Übersicht (60 RCT, 4838 Patienten)
Umfassende Übersicht zu Behandlungsoptionen der Stuhlinkontinenz. Die Kombination aus EMG-Biofeedback und Elektrostimulation erzielte bessere Ergebnisse als einzelne Methoden. Nicht-chirurgische Behandlungen gingen mit weniger Komplikationen einher als operative Maßnahmen.3
Wann sollte man Elektrostimulation nicht anwenden?
Die Elektrostimulationstherapie ist in der Regel sicher, darf aber bei bestimmten Zuständen nicht angewendet werden:
- Herzschrittmacher (Pacemaker)
- Schwangerschaft
- Aktive Tumorerkrankung im Becken- oder Rektalbereich
- Akute Rektalentzündung, anale Fistel oder Abszess
- Unbehandelte Epilepsie
- Schwere Hämorrhoiden (akute Phase)
Wichtig
Häusliche Geräte dienen als Ergänzung zur medizinischen Behandlung. Bei Stuhlinkontinenz ist eine ärztliche Abklärung besonders wichtig, da im Hintergrund Schließmuskelverletzungen oder andere Ursachen stehen können, die eine Operation erfordern.
Häufig gestellte Fragen
Die Behandlung der Stuhlinkontinenz verläuft langsamer als die der Harninkontinenz. Erste Verbesserungen sind nach 4–8 Wochen regelmäßiger Therapie zu erwarten. Für ein dauerhaftes Ergebnis sind 12–16 Wochen Therapiezyklus erforderlich.
Ja. Bei postpartaler Schließmuskelverletzung (Sphinkterriss) sind Beckenbodenmuskeltraining und Elektrostimulation wirksame ergänzende Therapien in der Rehabilitation. Ein früher Behandlungsbeginn führt meist zu besseren Ergebnissen. Besprechen Sie den Therapiebeginn mit Ihrem Frauenarzt.
Das Grundprinzip ist ähnlich – beide beruhen auf Beckenbodenmuskeltraining –, jedoch unterscheiden sich die Zielmuskeln. Bei Stuhlinkontinenz ist die gezielte Stimulation des analen Schließmuskels entscheidend. Die Behandlungsdauer ist meist länger, und Biofeedback ist besonders wichtig, um die richtige Technik zu erlernen.
Die Wundheilung nach einer Operation dauert in der Regel 6–8 Wochen. Elektrostimulation kann nach Freigabe durch den Operateur und vollständiger Heilung begonnen werden. Kegel-Übungen können unter ärztlicher Anweisung bereits früher vorsichtig begonnen werden – die Entscheidung trifft immer der Operateur.
Nicht unbedingt. Die konservative Behandlung ist die Erstlinientherapie und kann in vielen Fällen eine deutliche Besserung bewirken. Wenn nach 3–6 Monaten regelmäßiger Therapie keine ausreichende Verbesserung eintritt, kann der Arzt operative Optionen erwägen (z. B. Sphinkteroplastik, sakrale Nervenstimulation).3
Weiterlesen
Zusammenfassung – Kurzübersicht
Quellen
- Mazur-Bialy AI, Kołomańska-Bogucka D, Nowakowski C, Tim S. (2020). Physiotherapy for prevention and treatment of fecal incontinence in women – systematic review of methods. J Clin Med. 9(10):3255. DOI: 10.3390/jcm9103255
- Cohen-Zubary N, Gingold-Belfer R, Lambort I, et al. (2015). Home electrical stimulation for women with fecal incontinence: a preliminary randomized controlled trial. Int J Colorectal Dis. 30(4):521-528. DOI: 10.1007/s00384-015-2128-7
- Lal N, Simillis C, Slesser A, et al. (2019). A systematic review of the literature reporting on randomised controlled trials comparing treatments for faecal incontinence in adults. Acta Chir Belg. 119(1):1-15. DOI: 10.1080/00015458.2018.1549392