Elektrische Behandlung und Metallimplantate
Seit Jahrzehnten hält sich die Behauptung, dass TENS, EMS, FES und MENS nicht in der Nähe von oder direkt über Metallimplantaten angewendet werden dürfen. Aber muss man wirklich so viel Angst haben? Was ist die Wahrheit?
Da elektrische Behandlungen immer weiter verbreitet werden und es eine Flut von Geräten für die Anwendung der Elektrotherapie zu Hause gibt, ist es wichtig zu wissen, ob solche Geräte Risiken bergen.
Menschen fürchten Elektrizität schon lange – teilweise zu Recht. Die Verbote im Zusammenhang mit elektrotherapeutischen Geräten werden jedoch langsam, aber sicher infrage gestellt!
Doch schauen wir uns das der Reihe nach an!
Es gibt zwei Arten von Implantaten
- AKTIVE Implantate. Geräte, die mit Batterie oder Akku betrieben werden. Dazu gehören z. B. Herzschrittmacher, Defibrillatoren, Insulinpumpen und andere.
- PASSIVE Implantate. Die meisten werden zur Stabilisierung von Knochen verwendet, z. B. Marknägel, Schrauben oder Platten. Auch komplette Gelenkprothesen (z. B. Knie, Hüfte) können aus Metall bestehen.
Aktive Implantate
Aktive Implantate arbeiten elektrisch. Ein Herzschrittmacher oder Defibrillator überwacht beispielsweise die elektrische Aktivität des Herzens und greift ein, wenn eine lebensbedrohliche, pathologische Herzfunktion erkannt wird.
Jahrzehntelang nahm man an, dass ein von außen angelegter elektrischer Impuls (z. B. von einem Stimulationsgerät) diese Geräte stören könnte. Die Vermutung war, dass die Signale des Geräts und die des Herzens "verschmelzen" und durch diese Interferenz der Herzschrittmacher falsch reagieren könnte. Aus diesem Grund wurden elektrische Behandlungen bei Vorhandensein eines aktiven Implantats verboten.
In Ungarn teilen noch viele Ärzte diese Ansicht… aber sehen wir, was andere sagen.
Das amerikanische Mayo Clinic Netzwerk zählt zu den anerkanntesten medizinischen Einrichtungen weltweit.
Forscher dort haben das Thema bereits 1988 ausführlich untersucht und ihre Ergebnisse unter dem Titel „Is transcutaneous electrical nerve stimulation safe in patients with permanent pacemakers?“ veröffentlicht. Zu den Autoren gehören Mary Jane Rasmussen, R.N.; David L. Hayes, M.D.; Ronald E. Vlietstra, M.B.,Ch.B.; und Gudni Thorsteinsson, M.D.
Die Zusammenfassung der Studie lautet:
„Wir führten bei 51 Patienten mit 20 verschiedenen Typen von permanenten Herzschrittmachern transkutane elektrische Nervenstimulationstests an vier anatomischen Stellen durch – im Lendenbereich, an der Halswirbelsäule, am linken Unterschenkel und auf der gleichen Körperseite (ipsilateral) des Unterarms gegenüber dem Schrittmacher. Bei einer durchschnittlichen Stimulation von 24,7 Hz trat keine Interferenz, Blockade oder Umprogrammierung der Schrittmacher auf. Die Nähe der Stimulationsstelle zum Impulsgenerator hatte keinen Einfluss. Wir haben Elektrodenpositionen nicht untersucht, die parallel zur Elektrode des Schrittmachers verlaufen, eine Position, die bei anderen Besorgnis ausgelöst hat und die wahrscheinlich vermieden werden sollte, bis ihre Sicherheit nachgewiesen ist. Aufgrund unserer Ergebnisse sind wir der Ansicht, dass bei den meisten Patienten mit permanenten Herzschrittmachern transkutane Nervenstimulation sicher durchgeführt werden kann."
Passive Implantate
Bei passiven Implantaten (Schrauben, Platten und anderen Metallbefestigungen) ging man früher davon aus, dass Metall den Strom leiten und sich sogar erwärmen könnte, was schädliche Auswirkungen auf das umliegende Gewebe und vor allem auf das Knochenmark haben könnte. Als diese Auffassung entstand, wurden überwiegend Eisen- und Stahllegierungen verwendet und elektrotherapeutische Geräte waren damals ebenfalls noch ungenauer.
Inzwischen haben sich die für Implantate verwendeten Materialien stark verändert, elektrotherapeutische Geräte sind viel präziser geworden und das Wissen über Elektrizität hat sich erweitert.
Betrachten wir eine Studie von 2021 mit dem Titel „Modeling implanted metals in electrical stimulation applications“, Autoren: Mercadal, Borja; Salvador, Ricardo; Biagi, Maria; Bartolomei, Fabrice; Wendling, Fabrice; Ruffini, Giulio.
„…unsere Ergebnisse zeigen, dass der Ladungstransfer zwischen dem Implantat und dem umgebenden Gewebe vernachlässigbar ist… Metallimplantate verhalten sich wie perfekte Isolatoren, sofern an ihrer Grenzfläche nicht genügend Spannung induziert wird. Wenn Implantate großen elektrischen Feldern ausgesetzt sind, kann an der Grenzfläche ausreichend Spannung entstehen, die Ladungstransfer ermöglicht."
Die Quintessenz: Übliche elektrotherapeutische Behandlungen verwenden sehr niedrige Spannungen und Ströme, auf die Metallimplantate im Wesentlichen nicht reagieren.
Trotzdem findest du in der Bedienungsanleitung fast jedes Heim-Elektrotherapiegeräts den Hinweis: nicht über einem Implantat anwenden. Nach aktuellen Studien ist dieses Verbot jedoch eine überholte Ansicht!
Meiner Ansicht nach kann Metall nur dann problematisch sein, wenn es sich zwischen den Elektroden befindet (z. B. ein Draht im Oberschenkel und du platzierst eine Elektrode vorne und die andere hinten am Oberschenkel). Eine solche Anordnung ist ohnehin keine übliche Behandlung und stellt einen Fehler in der Elektrodenplatzierung dar – damit erzeugst du quasi absichtlich eine Situation, in der der Strom möglichst nahe am Metall vorbeiführt. Auch dann schädigst du dich kaum, aber das Metall kann den Strom dorthin leiten, wo du gar nicht behandeln wolltest.
Zusammenfassung
Gesetze erlauben nicht, dass du medizinische Therapiegeräte für zu Hause kaufst, mit denen du Schaden anrichten könntest.
Die elektrotherapeutischen, Ultraschall-, Softlaser- usw. Geräte, die du kaufen kannst, sind sicher anwendbar. Natürlich gilt: Wenn du sie mit schädlicher Absicht oder entgegen der Gebrauchsanweisung und für Erkrankungen verwendest, für die sie nicht vorgesehen sind, ist das eine andere Sache. Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch kannst du jedoch keinen Schaden verursachen!
Wenn du ein aktives Implantat (Herzschrittmacher, implantierbarer Cardioverter-Defibrillator usw.) hast, konsultiere deinen Arzt. Nach heutigem Kenntnisstand besteht bei elektrischen Behandlungen höchstens dann ein Risiko, wenn du die Elektroden direkt in der Nähe des Herzschrittmachers platzierst und zusätzlich parallel zu den vom Schrittmacher zum Herzen führenden Kabeln. Das heißt: Behandle nicht direkt in der Herzgegend oder auf der Brust, außer unter ärztlicher Aufsicht.
Hast du jedoch Schmerzen am Knöchel, in der Hüfte, im Knie, im Rücken, ja sogar am Hals, an der Schulter, am Ellbogen oder am Handgelenk, dann kannst du – unter Beachtung der allgemeinen Regeln zur Stimulation – risikofrei behandeln.
Bei passiven Implantaten führen TENS-, EMS-, MENS-, FES- oder Interferenzbehandlungen selbst bei längerer Anwendung nicht zu einer Wirkung, die das Umfeld des Implantats schädigen könnte.
Nach heutigem Stand können Heim-Elektrotherapiegeräte bei passiven Implantaten verwendet werden. Bei einer Behandlung direkt über dem Implantat sei vorsichtig und achte besonders auf die richtige Platzierung der Elektroden.
Wenn du dir bei einer Behandlung unsicher bist, bitte einen in Elektrotherapie erfahrenen Physiotherapeuten um Rat.