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Salztherapie in der Praxis – Leitfaden für Gesundheitsfachkräfte

Das Interesse an der Halotherapie (Salztherapie) hat in den letzten Jahren bei Patienten und Fachkräften deutlich zugenommen. Dieser Leitfaden richtet sich an Gesundheitsfachkräfte – Ärztinnen und Ärzte, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, Atmungstherapeutinnen und -therapeuten, Krankengymnastinnen und -therapeuten – die die wissenschaftlichen Grundlagen, die Evidenzlage und die Möglichkeiten der praktischen Anwendung kennenlernen möchten.

Definitionen und Terminologie

In der Fachliteratur treten mehrere miteinander verbundene Begriffe auf. Die genaue Kenntnis der Terminologie ist für das Verständnis der wissenschaftlichen Literatur unerlässlich.

Begriff Definition Bemerkung
Halotherapie Therapie, die auf der Inhalation trockener Salz-Aerosole in künstlicher Umgebung basiert Mit Einsatz eines Halogenerators
Speleotherapie Klimatherapie in natürlichen Salzgrotten oder Salzbergwerken Wieliczka, Turda
Haloaerosol Dispergierte trockene NaCl-Partikel im Luftvolumen mit 1–5 µm Durchmesser Therapeutisches Optimum: 0,5–5 µm
Halogenerator Gerät, das mechanisch oder per Ultraschall Haloaerosol erzeugt Trockene oder nasse Vernebelung

Historischer Hintergrund

Die moderne Geschichte der Salztherapie begann 1843, als der polnische Arzt Feliks Boczkowski beobachtete, dass die Häufigkeit von Atemwegserkrankungen unter den Arbeitern des Salzbergwerks Wieliczka auffällig gering war. Diese Beobachtung führte zur Gründung des ersten speleotherapeutischen Sanatoriums.

Die bekanntesten speleotherapeutischen Zentren Europas sind bis heute aktiv:

  • Salzbergwerk Wieliczka (Polen) – Ein Gesundheitszentrum für Atemwegsrehabilitation arbeitet 135 Meter unter Tage in einem UNESCO-Welterbe-Bergwerk
  • Salzbergwerk Turda / Salina Turda (Rumänien) – Seit 1992 als Halotherapie-Zentrum und touristische Attraktion in 112 Metern Tiefe in Betrieb

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde in der Sowjetunion und Osteuropa intensiv zu Speleotherapie und später zu künstlicher Halotherapie geforscht. In den 1980er-Jahren wurden die ersten Halogeneratoren entwickelt, die es ermöglichten, das Mikroklima von Salzgrotten in klinischen Umgebungen zu reproduzieren.

Wirkmechanismen

Die Wirkmechanismen der Halotherapie sind komplex und wirken auf mehreren Ebenen:

1. Verbesserung des mukoziliären Clearance

Die eingeatmeten NaCl-Partikel ziehen durch ihren osmotischen Effekt Wasser in die periziliäre Flüssigkeitsschicht und verringern so die Viskosität des Schleims. Der verflüssigte Auswurf lässt sich leichter durch die Flimmerhärchen mobilisieren. Bennett und Kollegen (2021) zeigten, dass die Inhalation hypertonischer Kochsalzlösung bei erwachsenen Asthmapatienten sowohl akut als auch dauerhaft die mukoziliäre Clearance verbessert.¹

2. Entzündungshemmende Wirkung

Salzpartikel können die Konzentration entzündlicher Mediatoren in den Atemwegen reduzieren. In der randomisierten Studie von Bar-Yoseph et al. (2017) senkte die Halotherapie signifikant den ausgeatmeten Stickstoffmonoxidwert (FeNO) bei asthmatischen Kindern, was auf eine Verminderung der Atemwegsentzündung hinweist.²

3. Verringerung der bronchialen Hyperreagibilität

Die genannte Studie zeigte außerdem eine Verringerung der durch Methacholinprovokation ausgelösten bronchialen Hyperreagibilität, einem zentralen Element der Asthmapatophysiologie.²

4. Antimikrobielle Wirkung

NaCl besitzt natürliche antibakterielle Eigenschaften. In-vitro-Untersuchungen belegten die hemmende Wirkung von Salz auf bestimmte Atemwegserreger, wobei die klinische Relevanz weiterer Forschung bedarf.

Evidenz nach Indikation

Asthma

Im Bereich des Asthma liegen die stärksten Evidenzen vor.

Bar-Yoseph et al. (2017) – Randomisierte, doppelblinde, kontrollierte Studie an 5–13-jährigen Kindern mit leichtem Asthma (n=29). Die Halotherapie verbesserte signifikant die bronchiale Hyperreagibilität (p=0,04), senkte den FeNO-Wert (p=0,02) und verbesserte die Lebensqualität. Es wurden keine Nebenwirkungen berichtet.²

Crișan-Dabija et al. (2021) – Systematischer Review basierend auf 18 Originalarbeiten. Schlussfolgerung: Halotherapie kann „als verlässliche ergänzende Therapie neben der allopathischen Behandlung" beim Asthma angesehen werden.³

Evidenzniveau: Mittel–stark (1 RCT, mehrere Beobachtungsstudien, systematischer Review)

COPD

Bei der COPD sind die Evidenzen schwächer, aber vielversprechend.

Rashleigh et al. (2014) – Systematischer Review zur Anwendung der Halotherapie bei COPD. Die Autoren stellten fest, dass die vorhandenen Studien methodische Einschränkungen aufweisen, die verfügbaren Daten jedoch darauf hindeuten, dass Halotherapie als potenziell nützliche ergänzende Therapie in Betracht gezogen werden kann.⁴

Evidenzniveau: Schwach–mittel (Beobachtungsstudien, methodische Limitationen)

Zystische Fibrose

Bei zystischer Fibrose ist die Evidenz für die Inhalation hypertonischer Kochsalzlösung (Vernebelung) stark, während spezifische Studien zur trockenen Halotherapie begrenzt sind.

Evidenzniveau: Stark für vernebelte hypertonische Lösung; schwach für trockene Halotherapie

Rhinosinusitis

Die Nasenspülung mit Kochsalz ist eine der am besten dokumentierten Anwendungen.

Cochrane-Review (2016) – Die Nasenspülung mit Kochsalz wird als „gut verträglich" beschrieben und als ergänzende Behandlung bei chronischer Rhinosinusitis empfohlen.⁵

Liu et al. (2020) – Meta-Analyse basierend auf 7 RCT: Hypertonische Kochsalzlösung war signifikant wirksamer als isotone Lösung bei der Reduktion der Symptome chronischer Rhinosinusitis.⁶

Evidenzniveau: Stark (Cochrane-Review, Meta-Analyse)

Zusammenfassende Evidenztabelle

Indikation Evidenzniveau Studientypen Empfehlung
Asthma (Kinder) ⭐⭐⭐⭐ RCT, systematischer Review Als ergänzende Therapie empfehlenswert
Asthma (Erwachsene) ⭐⭐⭐ Beobachtungsstudien, Reviews Als ergänzende Option erwägenswert
COPD ⭐⭐ Beobachtungsstudien Individuell abzuwägen
Chronische Rhinosinusitis ⭐⭐⭐⭐⭐ Meta-Analyse, Cochrane Empfohlene ergänzende Therapie
Zystische Fibrose ⭐⭐ / ⭐⭐⭐⭐⭐ RCT (vernebelt) In vernebelter Form evidenzbasiert
Allergische Rhinitis ⭐⭐⭐ Beobachtungsstudien, kleine RCTs Als ergänzende Option erwägenswert

Praktische Protokolle

Halotherapiekammer (Salzzimmer) – Standardprotokoll

Parameter Wert
Salzkonzentration 3–5 mg/m³ (intensiv: 8–16 mg/m³)
Partikelgröße 1–5 µm (optimal: 2–5 µm)
Behandlungsdauer 45–60 Minuten pro Sitzung
Frequenz 1× oder 2× täglich
Kurslänge 10–20 Sitzungen
Temperatur 18–24°C
Relative Luftfeuchtigkeit 40–60%

Heim-Halotherapie – Empfohlenes Protokoll

Der Einsatz von Salztherapie-Geräten zu Hause erfordert ein abweichendes Protokoll:

Parameter Wert
Anwendungsmodus Nächtliche Nutzung während des Schlafs
Behandlungsdauer 6–8 Stunden (gesamte Schlafdauer)
Raumgröße 15–25 m² (Schlafzimmer)
Frequenz Täglich
Kurslänge Kontinuierlich oder mindestens 4–6 Wochen

Der Vorteil von Heimgeräten ist die längere Expositionsdauer, die eine niedrigere Salzkonzentration kompensieren kann.

Bevor Sie die Behandlung beginnen

Zur sicheren Anwendung kennen Sie bitte Indikationen und Kontraindikationen.

Indikationen

  • Asthma (leicht bis moderat, in kontrolliertem Zustand)
  • COPD (stabile Phase)
  • Chronische Bronchitis
  • Chronische Rhinosinusitis
  • Allergische Rhinitis
  • Zystische Fibrose (als ergänzende Therapie)
  • Rezidivierende Atemwegsinfektionen (Prävention)
  • Raucherbedingter chronischer Husten

Wann sollten Sie es NICHT anwenden?

Absolute Kontraindikationen:

  • Aktive Tuberkulose
  • Atemwegsblutung, Hämoptysen
  • Schwere Herzinsuffizienz (NYHA III–IV)
  • Akute Atemwegsinfektion in der fiebrigen Phase
  • Aktive maligne Tumorerkrankung in Behandlung (Konsultation erforderlich)

Relative Kontraindikationen (individuelle Abwägung erforderlich):

  • Unbehandelter oder instabiler Bluthochdruck
  • Schwere Nierenerkrankung
  • Hyperthyreose
  • Klaustrophobie (bei Salzzimmern)
  • Akute asthmatische Exazerbation

Mögliche Nebenwirkungen

Die Halotherapie wird im Allgemeinen gut toleriert. In der Fachliteratur dokumentierte Nebenwirkungen:

  • Häufig (>10%): Vorübergehende Zunahme des Hustens (Zeichen der Sekretmobilisation)
  • Gelegentlich (1–10%): Leichte Hals- oder Nasenreizung, Rhinorrhoe
  • Selten (<1%): Kopfschmerzen, Schwindel
  • Sehr selten: Bronchospasmus (bei hyperreaktiven Patienten)

Die israelische RCT aus 2017 fand keine signifikanten Nebenwirkungen in der Halotherapie-Gruppe im Vergleich zur Kontrolle.²

Integration in die klinische Praxis

Wann empfehlen wir Halotherapie?

  1. Bei optimierter medikamentöser Therapie – Die Halotherapie ergänzt, ersetzt aber nicht die Standardtherapie
  2. Wenn Motivation und Compliance des Patienten ausreichend sind – Regelmäßigkeit ist entscheidend
  3. Bei Wunsch nach medikamentenfreien Alternativen – Besonders bei Kindern oder in der Schwangerschaft
  4. Zur Steroid-Einsparung – In gut kontrolliertem Asthma erwägenswert

Patientenkommunikation

Wichtig ist, dass Patienten mit realistischen Erwartungen in die Halotherapie starten:

  • Ergänzende Methode, kein Wundermittel
  • Ergebnisse sind nach 2–4 Wochen zu erwarten
  • Regelmäßigkeit ist wichtiger als Intensität
  • Medikamentöse Therapie darf nicht eigenmächtig abgesetzt werden

Heimgeräte aus fachlicher Sicht

Heim-Halotherapie-Geräte – wie das SaltDome – ermöglichen eine langfristige, regelmäßige Anwendung, was aus klinischer Sicht vorteilhaft sein kann.

Vorteile in der fachlichen Praxis:

  • Verbesserte Patienten-Compliance (Komfort zu Hause)
  • Längere Expositionsdauer (nächtliche Nutzung)
  • Kosteneffizienz auf lange Sicht
  • Auch zur Prävention anwendbar

Zu bedenken:

  • Die Salzkonzentration ist niedriger als in professionellen Salzzimmern
  • Die Wirksamkeit kann durch längere Exposition kompensiert werden
  • Patientenedukation zur korrekten Anwendung ist erforderlich

Zusammenfassung – Kurzüberblick

Worum geht es in diesem Artikel? Fachlicher Leitfaden zur Evidenz, zu Protokollen und zur klinischen Anwendung der Halotherapie (Salztherapie) für Gesundheitsfachkräfte.

An wen richtet sich der Artikel? An Ärztinnen und Ärzte, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, Atmungstherapeutinnen und -therapeuten, Krankengymnastinnen und -gymnasten sowie andere Gesundheitsfachkräfte, die Atemwegspatienten betreuen.

Kernaussage: Halotherapie ist eine evidenzbasierte ergänzende Therapie bei bestimmten Atemwegserkrankungen, insbesondere bei Asthma und chronischer Rhinosinusitis. Die Methode ist sicher, gut verträglich und kann bei geeigneter Patientenauswahl in die klinische Praxis integriert werden.

Verwandte Leitfäden

  • Salztherapie und Halotherapie – Umfassender Leitfaden für Atemwegsgesundheit
  • Asthma und Salztherapie – Natürliche Unterstützung der Atmung
  • COPD und Salztherapie – Einfacheres Atmen, bessere Lebensqualität
  • Zystische Fibrose und Salztherapie – Sekretlösung und Atemunterstützung

Quellen

  1. Bennett WD, et al. (2021). Acute and durable effect of inhaled hypertonic saline on mucociliary clearance in adult asthma. ERJ Open Research, 7(1):00062-2021. PMC article
  2. Bar-Yoseph R, et al. (2017). Halotherapy as asthma treatment in children: A randomized, controlled, prospective pilot study. Pediatric Pulmonology, 52(5):580-587. PubMed: 27723955
  3. Crișan-Dabija R, et al. (2021). Halotherapy—An Ancient Natural Ally in the Management of Asthma: A Comprehensive Review. Healthcare, 9(11):1604. PubMed: 34828649
  4. Rashleigh R, Smith SM, Roberts NJ. (2014). A review of halotherapy for chronic obstructive pulmonary disease. International Journal of COPD, 9:239-246. PubMed: 24591823
  5. Chong LY, et al. (2016). Saline irrigation for chronic rhinosinusitis. Cochrane Database of Systematic Reviews, 4(4):CD011995. PubMed: 27115216
  6. Liu L, et al. (2020). Efficacy of nasal irrigation with hypertonic saline on chronic rhinosinusitis: systematic review and meta-analysis. Brazilian Journal of Otorhinolaryngology, 86(5):639-646. PubMed: 32534983

Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen dienen der fachlichen Information. Die Anwendung der Halotherapie erfordert eine individuelle Abwägung unter Berücksichtigung des Zustands des Patienten, von Komorbiditäten und der verfügbaren Evidenz. Heimtherapie-Geräte ergänzen die ärztliche Behandlung, ersetzen jedoch nicht die Fachversorgung.

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