Multiple Sklerose
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische neurologische Erkrankung, die mit Entzündungen und Neurodegeneration des zentralen Nervensystems einhergeht und eine Vielzahl körperlicher und kognitiver Probleme verursachen kann. Zu den häufigen Symptomen gehören Muskelschwäche, Spastizität und eingeschränkte Beweglichkeit, Muskelschmerzen und Inkontinenz, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Die neuromuskuläre elektrische Stimulation (NMES oder auch EMS genannt) ist eine therapeutische Methode, die dazu beitragen kann, diese Muskelprobleme zu lindern. Schauen wir uns an, wie NMES funktioniert, wie nützlich es für MS-Patienten ist und welche Hauptaspekte bei der Anwendung zu beachten sind.
Was ist NMES (EMS)?
Bei NMES werden mithilfe von Hautelektroden elektrische Impulse auf die peripheren Nerven übertragen, um Muskelkontraktionen auszulösen. Diese Methode zielt darauf ab, die Muskulatur zu stärken, die motorische Kontrolle zu verbessern und möglicherweise die Neuroplastizität zu fördern. Bei MS richtet sich NMES an Muskelgruppen, die von der Demyelinisierung und den daraus resultierenden motorischen Ausfällen betroffen sind, mit dem Ziel, die funktionellen Fähigkeiten wiederherzustellen oder zu verbessern.
Wirksamkeit von NMES bei MS
Der Einsatz von NMES (EMS) bei MS-Patienten zeigt vielversprechende Ergebnisse:
- Muskelleistung und Muskelmasse: Eine Studie zeigte, dass die Muskelstimulation bei fortgeschrittener MS die Masse des Oberschenkelmuskels und die Beinkraft erhöhte.
- Spastizität und Bewegungsumfang: Einer anderen Studie zufolge verbesserte EMS bereits nach 18 Behandlungen die Muskelkraft messbar, verringerte die Spastizität und erhöhte den Bewegungsumfang.
- Funktionelle Mobilität: NMES trug zur Verbesserung der Gehfähigkeit bei und ermöglichte den Patienten eine effizientere Ausführung funktioneller Bewegungen.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass NMES eine wertvolle Ergänzung in der Rehabilitation von MS-Patienten sein kann, indem es zur Verbesserung der Muskelfunktion und der allgemeinen Mobilität beiträgt.
Wichtige Aspekte bei der Anwendung von NMES
Bei der Einbindung von NMES in den Behandlungsplan müssen mehrere Faktoren berücksichtigt werden:
- Individuelle Behandlung: Es ist wichtig, die NMES-Parameter – wie Frequenz, Impulsdauer und Intensität – individuell anzupassen, um den einzigartigen Bedürfnissen und der Toleranz des Patienten gerecht zu werden, den Nutzen zu maximieren und Unannehmlichkeiten zu minimieren.
- Kombination mit anderen Therapien: NMES ist am effektivsten, wenn es in Kombination mit anderen Rehabilitationsmethoden wie Physiotherapie und funktionellen Übungen angewendet wird, um die komplexen Probleme im Zusammenhang mit MS anzugehen.
- Monitoring und Sicherheit: Regelmäßige Kontrollen sind erforderlich, um den Hautzustand, die Muskelreaktionen und das allgemeine Wohlbefinden des Patienten zu überwachen, unerwünschte Effekte zu verhindern und eine sichere Anwendung von NMES zu gewährleisten.
- Patientenbeteiligung und Motivation: Psychologische Faktoren spielen eine wichtige Rolle bei den funktionellen Ergebnissen; Patienten mit positiver Einstellung neigen dazu, ihre Fortschritte besser zu bewerten und suchen eher nach Möglichkeiten für erfolgreiches Bewegen.
Bei Multiple Sklerose kann die Muskelstimulation mit folgenden Zielen eingesetzt werden:
Reduzierung der Spastizität
Bei Multipler Sklerose ist die Verbindung zwischen den Muskeln und den zugehörigen Motoneuronen gestört. Infolgedessen werden die Muskeln zunehmend steif und angespannt. Dies erschwert die Bewegungsdurchführung und kann bis zu Schmerzen führen.
In der medizinischen Fachsprache bezeichnet man diesen Zustand als Spastizität (erhöhte Muskelspannung, Steifheit).
Durch eine richtig eingestellte Muskelstimulation können die Muskeln entspannt werden. Auch der versorgende Nerv "lernt" den korrekten Tonus neu. Die Spannung verschwindet, Schmerzen werden reduziert und unwillkürliche Zuckungen gehen zurück.
Erhalt oder Verbesserung des Gelenkbewegungsumfangs
Durch spastische Muskeln (also Steifheit) kannst du den vollen Bewegungsumfang deiner Gelenke nicht nutzen, beispielsweise lassen sich Ellenbogen oder Knie nicht vollständig oder nur eingeschränkt strecken.
Mit Muskelstimulation können die Muskeln entspannt werden, wodurch sich auch der Bewegungsumfang erweitern lässt.
Verbesserung der Muskelkraft und -leistung
Wenn die Spastizität abnimmt oder verschwindet und sich der Bewegungsumfang verbessert, erscheinen die Muskeln stärker, obwohl die Kraft der Muskelfasern an sich nicht verändert wurde.
Durch Muskelstimulation kann die zeitliche Koordination der Kontraktionen und das sogenannte "Recruitment" verbessert werden, also dass sich die Muskelfasern gleichzeitig, effizienter und synchron zusammenziehen.
Durch die Kombination von Physiotherapieübungen mit Muskelstimulation kannst du die Grundkraft verbessern und Muskelermüdung reduzieren.
Verbesserung der Blasen- und Schließmuskelkontrolle
Ein Begleitsymptom der Multiplen Sklerose kann Inkontinenz sein, also ungenügende oder unmögliche Kontrolle über Blasen- oder Stuhlausscheidung. Ursache ist die Schwächung der Beckenboden-Schließmuskulatur und die "Störung" ihrer motorischen Nerven.
Die Mehrheit der MS-Patienten, die funktionell elektrostimuliert wurden, berichtet über eine Verbesserung der Rektal- und Blasenfunktion [75–85 %].
Reduzierung des Risikos von Atemwegsinfektionen
Solange MS-Patienten noch gehen können, ist die Funktion der Atemmuskulatur wahrscheinlich nicht beeinträchtigt. Bei Rollstuhlfahrern hingegen ist die Aktivität der Arm- und Brustmuskulatur reduziert, wodurch die Atmung erschwert und das Risiko für Atemwegsinfektionen erhöht ist.
Eines der größten Probleme ist die eingeschränkte Hustenfähigkeit. Funktionelle Stimulation kann hilfreich sein, um die Kraft der Bauch- und Rumpfmuskulatur zu erhalten. Dies fördert das Husten und die Reinigung der Atemwege. Die verminderte Steifigkeit derselben Muskeln kann die Atmung und das Husten verbessern, indem sie tiefere Einatmungen ermöglicht und die Koordination der Ausatmungsmuskulatur verbessert.
Minimierung des Dekubitusrisikos
Ein Druckgeschwür kann aufgrund mehrerer Faktoren entstehen, darunter Spastizität, Gelenksteifigkeit und Bewegungseinschränkungen, Muskellähmungen und ein schlecht angepasster Rollstuhl.
Mit Muskelstimulation lässt sich das Risiko verringern. Die Verbesserung des Gelenkbewegungsumfangs, die leichtere Veränderung der Körperhaltung und die Verringerung unwillkürlicher Bewegungen helfen dabei. Durch die Erhaltung von Muskelmasse und -tonus verteilt sich der Druck gleichmäßiger auf der Haut und entlastet so den Knochen.
Bei bereits bestehendem Druckgeschwür kann die Stimulation den Heilungsprozess beschleunigen. Die Verbesserung der Mikrozirkulation führt zu einer besseren Sauerstoffversorgung von Haut und Muskelgewebe, fördert die Bildung von Granulationsgewebe und senkt das Infektionsrisiko.
Zusammenfassung
NMES ist eine vielversprechende Methode zur Behandlung von Muskelschwäche, Spastizität und Bewegungseinschränkungen bei Menschen mit Multipler Sklerose. Durch die elektrischen Impulse ausgelöste Muskelkontraktionen kann NMES die Muskelkraft verbessern, Spastizität verringern und die funktionelle Mobilität erhöhen. Seine Anwendung sollte jedoch individuell angepasst und als Teil eines umfassenden Rehabilitationsprogramms erfolgen, um die besten Ergebnisse zu erzielen. Weitere Forschung und klinische Studien sind notwendig, um die langfristigen Vorteile und potenziellen neuroprotektiven Effekte von NMES bei MS-Patienten vollständig zu verstehen.