Behandlung der Fazialisparese (Bell-Parese) mit Lasertherapie
Von einem Tag auf den anderen können Sie das Auge nicht mehr schließen, eine Gesichtshälfte hängt schlaff nach unten und aus dem Spiegel schaut Ihnen ein fremdes Gesicht entgegen. Die Gesichtsnervenlähmung – medizinisch Fazialisparese oder Bell‑Parese – ist ein beängstigendes Erlebnis, lässt sich jedoch in den meisten Fällen gut behandeln. Entscheidend ist ein so früh wie möglich beginnendes, umfassendes Therapiekonzept, bei dem die Lasertherapie und Elektrostimulation eine wichtige Rolle spielen können.
Was ist eine Gesichtsnervenlähmung?
Die Gesichtsnervenlähmung ist eine Funktionsstörung des VII. Hirnnervs (Nervus facialis), die zu einer teilweisen oder vollständigen Lähmung einer Gesichtshälfte führt. Dieser Nerv steuert die Gesichtsmuskulatur und ist außerdem an Geschmacksempfindungen sowie an Tränen- und Speichelproduktion beteiligt.
Die Erkrankung ist nach Sir Charles Bell benannt, einem britischen Neurologen, der diesen Zustand im 19. Jahrhundert erstmals ausführlich beschrieb.
Wichtig ist die Abgrenzung zur Trigeminusneuralgie (Gesichtsschmerz): Während bei der Trigeminusneuralgie (V. Hirnnerv) vor allem starke Schmerzen im Versorgungsgebiet dieses Nervs auftreten, führt die Bell‑Parese zur Lähmung des VII. Hirnnervs und damit zu Bewegungsstörungen. Wenn Sie Gesichtsschmerzen haben, lesen Sie den Artikel Behandlung der Trigeminusneuralgie mit Lasertherapie.
Symptome der Gesichtsnervenlähmung
Die Symptome treten meist plötzlich auf und erreichen innerhalb von 24–48 Stunden ihre maximale Ausprägung:
Schwäche oder vollständige Lähmung einer Gesichtshälfte
Sie können die Augenbraue nicht heben oder die Stirn auf der betroffenen Seite nicht runzeln
Das Auge schließt nicht vollständig – dies kann zu Austrocknung führen
Die Mundwinkel hängen auf einer Seite herab
Schwierigkeiten beim Lächeln, Sprechen und Essen
Verminderte oder fehlende Tränen‑ und Speichelproduktion auf der betroffenen Seite
Veränderter Geschmackssinn auf den vorderen zwei Dritteln der Zunge
Schmerzen hinter dem Ohr oder im Gesicht (häufig vor der Lähmung)
Erhöhte Geräuschempfindlichkeit auf der betroffenen Seite

Typisches Zeichen der Bell‑Parese: Lähmung einer Gesichtshälfte, das Auge schließt nicht vollständig, der Mundwinkel hängt.
Ursachen und Risikofaktoren
Die genaue Ursache der Bell‑Parese ist oft unbekannt (idiopathisch), jedoch können mehrere Faktoren beteiligt sein:
Häufigste Ursache: Virusinfektion
Eine Entzündung durch das Herpes‑simplex‑Virus (HSV) gilt als wahrscheinlichster Auslöser. Durch die Entzündung schwillt der Gesichtsnerv an; da er durch einen engen knöchernen Kanal verläuft, übt die Schwellung Druck auf den Nerv aus.
Weitere mögliche Ursachen
Bakterielle Infektionen
Autoimmunreaktionen
Stoffwechselerkrankungen (z. B. Diabetes)
Physische Traumata oder Verletzungen
Seltener: Tumoren
Risikogruppen
Häufiger betroffen sind:
Schwangere Frauen (insbesondere im dritten Trimester)
Diabetiker
Menschen mit geschwächtem Immunsystem
Personen über 50 Jahren
Warum ist eine schnelle Behandlung wichtig?
Bei der Behandlung der Gesichtsnervenlähmung ist die Zeit ein kritischer Faktor. Für Muskeln ist das Zusammenziehen überlebenswichtig – wenn die Nervenverbindung abreißt und der Muskel über Monate nicht kontrahiert, baut er sich um, atrophiert und die Lähmung kann dauerhaft bleiben.
Die ersten 5–10 Therapiesitzungen erfolgen meist in einer Einrichtung, doch das allein reicht nicht aus. Sie müssen die Therapie zu Hause fortsetzen – oft über 6–12 Monate – bis zur vollständigen Genesung.
Wie kann die Lasertherapie helfen?
Die Lasertherapie (Fotobiomodulation) kann die Heilung auf mehreren Wegen unterstützen:
Entzündungshemmende Wirkung
Sie reduziert Schwellungen und Ödeme rund um den Nerv und lindert so den auf den Nerv ausgeübten Druck im knöchernen Kanal.
Verbesserung der Durchblutung
Sie fördert die Mikrozirkulation im behandelten Bereich, was die Versorgung des Nervs mit Nährstoffen und Sauerstoff verbessert.
Unterstützung der Nervenregeneration
Die Lasertherapie steigert die Energieproduktion der Zellen (ATP), was die Regeneration der Nervenfasern begünstigen kann.
Was sagt die Wissenschaft?
Mehrere klinische Studien haben die Wirksamkeit der Lasertherapie bei Bell‑Parese gezeigt. Eine randomisierte, kontrollierte Studie aus dem Jahr 2013 berichtete, dass sowohl Hochleistungs‑Laser (HILT) als auch Niedrigleistungs‑Laser (LLLT) die Genesung von Patienten mit Bell‑Parese signifikant verbesserten gegenüber der Kontrollgruppe, die nur Übungen erhielt (PubMed: 23709010).
Eine Studie aus 2017 zeigte, dass die Kombination aus Lasertherapie und Gesichtsgymnastik signifikant bessere Ergebnisse liefert als Gymnastik allein (PubMed: 28337563).
Studien an diabetischen Patienten sind besonders vielversprechend – die Lasertherapie kann eine sichere Alternative für Patienten sein, bei denen eine Steroidbehandlung riskant wäre (PMC: 7369545).
Die drei Säulen der Heimbehandlung
Die Heimtherapie bei Bell‑Parese basiert auf drei Hauptsäulen:
1. Gesichtsgymnastik
Die Gesichtsgymnastik ist ein zentraler Bestandteil der Behandlung. Führen Sie die Übungen 3–4 Mal täglich durch, jeweils 10–15 Minuten vor einem Spiegel.
Grundübungen:
Versuchen Sie, den Mund symmetrisch zu bewegen, als würden Sie lächeln
Üben Sie das Hochziehen der Augenbraue
Blasen Sie Ihre Wangen auf und lassen Sie die Luft wieder ab
Spitzen Sie die Lippen und ziehen Sie sie dann auseinander
Versuchen Sie zu pfeifen oder mit einem Strohhalm zu trinken
Führen Sie die Übungen langsam und konzentriert aus. Bei Schmerzen sofort abbrechen.
2. Lasertherapie
Die Behandlung sollte idealerweise so bald wie möglich nach Auftreten der Symptome begonnen werden.
Behandlungszonen:
Behandeln Sie entlang des Verlaufs des Gesichtsnervs, mit besonderem Schwerpunkt auf dem Bereich hinter dem Ohr (hier tritt der Nerv aus dem Schädel aus).

Laser‑Behandlungspunkte entlang des Verlaufs des Gesichtsnervs. Beginnen Sie hinter dem Ohr und arbeiten Sie sich in Richtung Gesicht vor.
Behandlungsparameter:
Gerät: Geräte der Klasse 3 (z. B. Personal Laser L400 oder Energy Laser L500 Pro)
Behandlungsdauer pro Punkt: 10–30 Sekunden (abhängig vom Gerät)
Energie: 4–8 Joule pro Punkt
Frequenz: anfänglich einmal täglich, später jeden zweiten Tag
3. Elektrostimulation (denervierter Strom)
Die elektrische Stimulation hilft, den Muskelschwund zu verhindern und die Funktion der Muskeln zu erhalten, während sich der Nerv regeneriert.
Warum ist das wichtig? Auf einen vom Elektrostimulator abgegebenen Impuls zieht sich der Muskel genauso zusammen wie auf einen vom Gehirn kommenden Reiz. Diese Kontraktionen sind entscheidend für die Erhaltung von Muskelgesundheit, Kraft und Masse.
Durchführung der Behandlung:
Verwenden Sie kleine (ca. 25 mm), runde Elektroden
Platzieren Sie den negativen Pol stets in der Nähe der Ohrmuschel
Den positiven Pol platzieren Sie wechselnd auf den verschiedenen Gesichtsmuskeln
Erhöhen Sie die Stromstärke schrittweise, bis Sie leichte Muskelzuckungen spüren

Elektrodenplatzierungspunkte für die Behandlung mit denerviertem Strom. Der negative Pol an der Ohrregion, die Position des positiven Pols variieren Sie je nach Gesichtsmuskel.
Wichtig: Nicht in allen Fällen müssen alle Punkte behandelt werden – lassen Sie sich von Ihrem Physiotherapeuten anleiten!
Bevor Sie mit der Behandlung beginnen
Zur sicheren Anwendung sollten Sie die Kontraindikationen kennen. Weitere Informationen finden Sie im Artikel zu Kontraindikationen der Lasertherapie.
Wann Sie den Laser NICHT verwenden sollten
Richten Sie niemals direkt in das Auge – verwenden Sie immer einen Augenschutz
An Tumorstellen nicht anwenden
Bei aktiver Infektion oder Fieber warten Sie die Genesung ab
Über der Schilddrüse nicht anwenden
Kontraindikationen für die Elektrostimulation
Eingepflanzter Herzschrittmacher (Pacemaker)
Epilepsie
Aktive Infektion im Behandlungsgebiet
Thrombose
Mögliche Nebenwirkungen
Lasertherapie und Elektrostimulation werden in der Regel sehr gut vertragen. Selten können auftreten:
Leichte Rötung der behandelten Haut (vorübergehend)
Leichte Unannehmlichkeiten während der Elektrostimulation
Muskeler müdigkeit nach der Behandlung
Praktische Tipps für den Alltag
Augenschutz
Wenn Sie das Auge nicht vollständig schließen können:
Verwenden Sie tagsüber künstliche Tränen
Benutzen Sie nachts eine Augen‑Salbe
Kleben Sie das Lid nachts mit einem speziellen Pflaster zu
Ernährung
Wählen Sie leicht kaubare Mahlzeiten
Essen Sie kleinere Bissen
Verwenden Sie einen Strohhalm zum Trinken
Allgemeine Empfehlungen
Vermeiden Sie Kälte und Zugluft im Gesichtsbereich
Reduzieren Sie Stress – er kann die Heilung verlangsamen
Seien Sie geduldig – die Genesung kann 3–12 Monate dauern
Wann Sie sofort ärztliche Hilfe suchen sollten
Wenn die Symptome plötzlich innerhalb von Minuten auftreten (kann auf einen Schlaganfall hinweisen!)
Wenn beide Gesichtshälften betroffen sind
Bei zusätzlichen neurologischen Symptomen (Sprachstörung, Schwäche der Gliedmaßen, starke Kopfschmerzen)
Wenn die Symptome trotz Behandlung nicht besser werden oder sich verschlimmern
Prognose
Die Prognose bei Bell‑Parese ist in der Regel gut. In 70–80 % der Fälle erholen sich die Patienten vollständig oder nahezu vollständig.
Bessere Heilungschancen bestehen, wenn:
Sie die Behandlung so früh wie möglich nach Auftreten der Lähmung beginnen
Die Lähmung nicht vollständig ist
Sie jünger sind
Sie keine weiteren Grunderkrankungen haben
Empfohlene Geräte
Softlaser‑Geräte
Personal Laser L400
Gerät der Klasse 3, 808 nm Wellenlänge, 400 mW Leistung. Kompakt, einfach zu bedienen und ideal für die Anwendung zu Hause.
Energy Laser L500 Pro
Gerät der Klasse 3, 880 nm Wellenlänge, 500 mW Leistung. Höhere Leistung, kürzere Behandlungszeiten.
Geräte für denervierten Strom (szelektív ingeráram)
Globus Genesy 1500
Professionelles Gerät mit Programm für denervierte Muskeln. Geeignet zur Behandlung von denervierten (nervverlorenen) Muskeln.
Weitere Einsatzgebiete der Lasertherapie
Die Lasertherapie kann auch zahlreiche andere Beschwerden und Erkrankungen unterstützen. Für einen Überblick über alle Anwendungsbereiche zu Hause lesen Sie den Artikel Lasertherapie zu Hause – Behandlung von Erkrankungen.
Wenn Sie noch nicht mit den Grundlagen der Lasertherapie vertraut sind, beginnen Sie mit dem Artikel Umfassender Leitfaden zur Lasertherapie.
Zusammenfassung – Schnellüberblick
Worum geht es in diesem Artikel? Um einen umfassenden Leitfaden zur Heimbehandlung der Gesichtsnervenlähmung (Bell‑Parese) unter Einsatz von Lasertherapie und Elektrostimulation.
Für wen ist der Artikel gedacht? Für Patienten mit Bell‑Parese, die neben der institutionellen Behandlung die Rehabilitation zu Hause fortsetzen möchten.
Hauptbotschaft: Bei der Behandlung der Gesichtsnervenlähmung ist Zeit entscheidend – je früher Sie mit einer kombinierten Therapie (Gesichtsgymnastik + Lasertherapie + Elektrostimulation) beginnen, desto besser sind Ihre Heilungschancen. Die Heimtherapie sollte über Monate bis zur vollständigen Genesung fortgeführt werden.
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Quellen
Alayat MS, et al. Efficacy of high and low level laser therapy in the treatment of Bell's palsy: a randomized double blind placebo-controlled trial. Lasers Med Sci. 2014;29(1):335-42. PubMed: 23709010
Ordahan B, Karahan AY. Role of low-level laser therapy added to facial expression exercises in patients with idiopathic facial (Bell's) palsy. Lasers Med Sci. 2017;32(4):931-936. PubMed: 28337563
Aghamohamdi D, et al. The Efficacy of Low-Level Laser Therapy in the Treatment of Bell's Palsy in Diabetic Patients. J Lasers Med Sci. 2020;11(3):310-315. PMC: 7369545
Bernal G. Six years of experience in low-level laser therapy in the treatment of Bell's palsy. Laser Ther. 1993;5:87-90.
Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen dienen nur zu Informationszwecken. Heimtherapie‑Geräte ergänzen die medizinische Behandlung, ersetzen aber nicht die fachärztliche Versorgung. Bei Gesichtsnervenlähmung wenden Sie sich unbedingt an einen Neurologen, um eine genaue Diagnose und einen Behandlungsplan zu erhalten.